englishE9N - ENSEMBLE 9. NOVEMBER

Wiederaufnahme:
Donnerstag, 31. Oktober
2019
20 Uhr

"Krieg und Frieden"
nach Leo Tolstoi


Wiederaufnahme:
31. Oktober 2019, 20 Uhr


Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de





Das Projekt stellt sich die Aufgabe einer gesamtkünstlerischen Dramatisierung von "Krieg und Frieden". Damit setzt das E9N, unter Anderem, die Reihe seiner Europa thematisierenden, Projekte fort; bildet doch das Verhältnis: 'Europa – Rußland' einen der von Tolstoi eingewobenen 'roten Faden' des Werkes selber.
Mit der Thematisierung von 'Krieg' will sich das Projekt, ganz im Sinne von Tolstoi, nicht mit den Heldenkonzepten und -verehrungen der Historiker, sondern mit den Menschen identifizieren, ihnen zum künstlerischen Ausdruck verhelfen.
In Anbetracht des enormen, epischen geistigen Umfangs dieses literarischen Werkes, würde selbst eine zeitraubende Nachstellung der literarischen Vorlage vor allem geistiges Stückwerk bleiben. Die Komplexität und Fülle der dem Leser zur Aufgabe gemachten Gedanken und Vorstellung lassen sich in keiner Weise imitieren. Auf ein Kunstwerk kann daher nur mit einem Kunstwerk geantwortet werden. Dies allein ist die Absicht des vorliegenden Projekts. In ihm werden die Wesensschwerpunkte von 'Krieg und Frieden' zur Grundlage einer gesamtkünstlerischen Komposition in fünf musiktheatralischen Darstellungs-Ikonen. Deren Titel lauten:
Natascha
Salon
Landschaft
Krieg
Frieden

Eigens hierfür komponierte Musik, Gesang, Tanz choreographiertes Spiel, bildende Kunst in Objekten-Kostümen-Licht-Bildprojektionen (Ikonen) sollen mit ihrer durchgearbeiteten Gesamtästhetik der aus der literarischen Vorlage extrahierten Textbewegung zu einer, das einfache Vorstellungsvermögen sprengende, Lebendigkeit verhelfen.

Leitung:
Helen Körte, Dr. Wilfried Fiebig

Inszenierung / Dramaturgie Objekt / Kostüme / Bühne
Dr. Wilfried Fiebig

Musikalische Leitung
Jens Hunstein

Komposition
Bastian Fiebig

Schauspiel
Mirjam Baur, Eric Lenke,
Katrin Schyns, Wilfried Fiebig,
Annemike Plößer (special guest)

Musiker
Jens Hunstein, Theodor Köhler,
Christian Spohn

Gesang
Pauline Jordan (Mezzosopran)

Lichtdesign:
Johannes Schmidt

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturamt Stadt Frankfurt am Main
HfG Offenbach


   

Premiere
Donnerstag, 17. Oktober
2019
20 Uhr

"Szenische Bilder eines Gesamtkunstwerks"
Theaterspiel der Bilder und Musiken
aus 30 Jahren Theater des E9N


Weitere Aufführungen:
Teil 1: Do. 17. Oktober, 20 Uhr
Teil 2: Fr . 18. Oktober, 20 Uhr
Teil 3: Sa. 19. Oktober, 20 Uhr
Teil 4: So. 20. Oktober, 18 Uhr

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de



Fotografie:
Sabine Lippert




"Schon in den Bauhütten mittelalterlicher Kathedralen hatten die Gewerke und Künste gleichberechtigt zusammen gearbeitet". Das Bauhaus nimmt die darin zur Geltung kommende Idee des "Gesamtkunstwerk", eines Zusammenspiels, nun von Kunst mit dem "industriellen Gesamtarbeiter" der Moderne, wieder auf.

Steht dieses am Bauhaus anfänglich noch unter der Einheit und Programmatik eines "Gesamtkunstwerks", gehen, im weiteren Verlauf, Entwicklung und Gewichtung von Kunst, Architektur und Industriedesign auseinander.

Seit Beginn seiner Theaterarbeit 1988 geht das E9N in seinen Produktionen von dieser Idee des Gesamtkunstwerks aus, "mit einem feinen Gespür für das immer neu zu definierende Zusammenspiel der Künste und kluger Abstraktion komplexer Sachverhalte " , wie sie sich aus der fortgesetzten Entwicklung des Industriellen Gesamtarbeiters ergeben.

Nach dem "Jubiläumsfestival 2018" wird das "Ensemble 9. November" aus Anlass des Jubiläums "100 Jahre Bauhaus", in szenischen Ausschnitten aus 30 Jahren "Gesamtkunstwerk" des "E9N" Theaters, an die fortgesetzte Bauhaus-Idee erinnern.

Leitung:
Helen Körte, Dr. Wilfried Fiebig

Schauspielregie:
Helen Körte

Inszenierung / Dramaturgie Objekt / Kostüme / Bühne
Dr. Wilfried Fiebig

Schauspiel:
Larissa Robinson, Richard Köhler,
Eric Lenke, Katrin Schyns

Musik:
Bastian Fiebig (Komposition)
Katrin Becht (Violine)
Christian Diederich (Schlagzeug)
Theodor Köhler (Piano)
Christian Spohn (Bass)
Stefan Weilmünster (Saxophon)

Gesang:
Christoph Koegel (Bariton)
Rebekka Stolz (Mezzosopran)
Martha Jordan (Mezzosopran)

Licht:
Johannes Schmidt
Fotografie:
Sabine Lippert

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturamt Stadt Frankfurt am Main
HfG Offenbach


Frankfurt am Main 24.08.2019

Hegels Differenzschrift ("Differenz des Fichte`schen und Schelling`schen Systems der Philosophie"): (S.14)
"Wenn die Macht der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet,..., entsteht das Bedürfnis der Philosophie."
"Denn die notwendige Entzweiung ist ein Faktor des Lebens, das ewig entgegensetzend sich bildet, und die Totalität ist in der höchsten Lebendigkeit nur durch Wiederherstellung aus der höchsten Trennung möglich." "Die Vernunft setzt sich gegen das absolute Fixieren der Entzweiung durch den Verstand, und umso mehr, wenn die absolut Entgegengesetzten selbst aus der Vernunft entsprungen sind."
Aus diesem Bedürfnis der Philosophie erklärt sich bei Kant wie bei Hegel die Entwicklung der Kunst, Künste zu der Totalität als "Gesamtkunstwerk".
Der "Industrielle Gesamtarbeiter" bezeichnet das Selbe im Rahmen der historischen Entwicklung der Arbeit.(Karl Marx)

Auf dieser Grundlage erklärt sich der ästhetische, gesamtkünstlerische, Produktionsansatz des "Ensemble 9. November". Zugleich erklärt es auch die Entstehungsgeschichte von "Bauhaus" und dessen gesamtkünstlerischer Kunsttheorie, abgeleitet aus der Analogie zur "Bauhütte" des Kathedralenbaus.

Aus den Biographien von Helen Körte und Dr. Wilfried Fiebig erklärt sich das Zustandekommen einer gemeinsamen gesamtkünstlerischen Theaterproduktion und der Gründung des "Ensemble 9. November" vor 31 Jahren.

Zu dem Titel "Szenische Bilder eines Gesamtkunstwerks" kam es aus einer Analogie zu Mussorgsky´s Komposition "Bilder einer Ausstellung". Es thematisiert das ästhetische Verhältnis von Musik und Malerei, ein Aspekt auch des Gesamtkunstwerks.
Das "E9N" verknüpft, über komponierte und life gespielte Instrumentalmusik und Malerei hinaus, Gesang, darstellendes Spiel, dramatisierte poetische Literatur, Neue Medien, die Aspekte digitaler Technik, Objektkostüme, Bühnenarchitekturen, Lichtdesign,---- materiale und technische Innovationen, wie sie das "Bauhaus" programmatisch aufnimmt und auch gestaltungsästhetisch thematisiert.

"Szenische Bilder eines Gesamtkunstwerks" ist eine Poetik der Dinge, ein poetischer Aufstand der Materie, Poesie, zu allen Künsten heraufgeholt, die ihr zu Grunde liegen, Sinnlichkeit kunstästhetisch und analog.

An 4 aufeinander folgenden Tagen (17.-18.-19. und 20. Oktober 2019 im Gallus Theater) entstehen, als eine Art Fortsetzungsroman der Künste, "Szenische Bilder eines Gesamtkunstwerks", addieren sich szenisches Spiel mit musikalischen Instrumental- und Gesangskompositionen, im Wechsel skulpturaler Kostüme und Objekte. Am Ende jeder Aufführung kann das Publikum sie als Ausstellung betrachten und mit dem Autor diskutieren.

Dr. Wilfried Fiebig
"Ensemble 9. November"(E9N)

Frankfurt am Main 24.08.2019


PRESSESPIEGEL

Reicher Ideenboden
Das Ensemble 9. November blickt zurück auf ein Gesamtkunstwerk.
Von Marcus Hladek

Vier Tage - vier Stücke hatte die philosophisch klare Formel Wilfried Fiebigs für das Theaterfest im Frankfurter Gallus-Theater gelautet, das pro Abend Szenen je eines älteren Stücks wie "Stadt 2000", "Europa Metamorphosen" und "Krieg und Frieden" vorsah. Allerdings fiel das Präparieren knackiger Kernbilder an Tag 1 mit rund vierzig Minuten allzu kurz aus für ein Publikum, das vom E9N nicht genug bekommt, weshalb der Gesamtkunstwerks-Gewaltige Fiebig bei aller Liebe zum bündigen Begriff je zwei Stücke zu zeigen beschloss. So auch an Abend 3 der kleinen Reihe. Ein Häuflein kam und profitierte vom Eindampfungsprozess, frei nach dem Motto: was sich in zwei Stunden sagen lässt, auch in einer, und was in eine Stunde geht, passt auch in vierzig Minuten. Als Hegelianer weiß sich Fiebig, dem außer der Darstellerregie (Helen Körte) sowie Spiel und Gesang alles oblag (Inszenierung, Dramaturgie Objekte, Kostüme, Bühne), eben selbstgewiss in seinem Zugriff auf die Menschheits- und Geistesgeschichte. Da knappst es sich mit Überzeugung. Liebhaber von Philosophenanekdoten seit Diogenes Laertius müssen ihm da nicht folgen.
Alles in irrem Tempo. Aber wie Fiebig erst den Darsteller im Laborratten-Kostüm ins Offene schickt, wie er seine Figuren zwischen Physis, sozialer Rolle, literarischem Erbe und platonischer Idee dann auf und von der Daseins-Bühne stromern lässt, wie diese vom Genom und unter "La mer"-Klängen von Noahs Sintflut lospalavern, den Anflug der Taube aufs Tapet bringen und die ersten Stadtmauern, wie dem Stadtstaaten-Codex im Nu die Künste folgen, Robinson Crusoe sowie "Soll und Haben": all das treibt den Geschwindi-Bus in so irrem Tempo voran, dass man nie dechiffrierend nachkommt. Gerade das macht aber Spaß, da man die Welt ja sowieso nie versteht und hier in der Kunst nun doppelt nicht, was eine listige Erkenntnis ex negativo in Gang setzt. Wie war das mit Sir Francis Drake, dem universalen Stuhl? Schwups, schon weg. Eben noch erklingen in Kompositionen von Fiebig-fils Sebastian Tangolaute der wie stets beim E9N wunderbaren Musiker (Violine, Schlagzeug, Piano, Kontrabass, Saxofon), da sorgt der betörende Gesang der Mezzosoprane (Rebekka Stolz, Martha Jordan) plus Bariton (Christoph Kotigel) schon für neubewässerten Ideenboden, den fruchtbar zu machen man sich beeilen muss. Entzückend die leichten, klugen Liedrhythmen, all das Wiegen, die historischen Instant-Reminiszenzen, die hübsche akademische Heiterkeit mit Ausbrüchen ins Jazzhafte. Hier ist noch der Kunst-banausische Firmenchef am Zuge, dort bricht die "reichste Ente der Welt" alias Dagobert "Uncle Scrooge" Duck unter „Pink Panther"-Anspieler aufs Spielfeld durch. Oder, als Dialogfetzen gegen Hegel: "ich weiß nicht, ob es die Wirklichkeit gibt. Aber ich weiß, dass sie da ist, wo ich ein Steak bekomme". Dies- wie jenseits der Pausenfanfare, wenn das Gerücht der Fama Ovids durch Europa wischt und fliegt, sind es die Farb- und Ohren-Rhythmen, das geistvolle Spiel mit Ideen, das flugs die Formel des Pythagoras mit Leonardos Homo quadratus verschmirgelt und schon wieder ganz woanders ist, was den sinnlichen Rausch des Wissens und Erkennens als Grundgefühl erzeugt. Damit genug an Sinn und Unsinn über diesen Abend.


Körpererweiterungen
Das Ensemble 9. November und das Gesamtkunstwerk

Eine Werkschau der besonderen Art: An vier Abenden päsentierte das Ensemble 9. November im Frankfurter Gallus Theater "Szenische Bilder eines Gesamtkunstwerks" mit Ausschnitten aus 30 Jahren Theaterarbeit. Die von Helen Körte und Wilfried Fiebig geleitete Gruppe feiert ihr Jubiläum, indem sie ein Konzept bekräftigt, mit dem sie sich nach eigener Aussage in die Tradition des Bauhauses stellt. Die gemeinsame Anstrengung sämtlicher Künste, aller „Gewerke", das Zusammenspiel von bildender und darstellender Kunst, Musik und Dichtung: Diese Idee des Gesamtkunstwerks erinnert freilich eher an dessen Erfinder Richard Wagner, der mit seinen Musikdramen alle Sinne und den Verstand dazu ansprechen wollte, schließlich ging es darum, nicht nur Genuss zu bereiten, sondern dem Publikum auch etwas zu denken zu geben. Das gelingt auch dem „E9N", wie sich das Ensemble abkürzt, immer wieder. Dabei ist es doch auch der avantgardistischen Moderne verpflichtet, denn obwohl gewiss alle Künste zusammenwirken, so kommt doch kein erzählerischeres Ganzes heraus, bleiben die einzelnen Elemente fragmentarisch, entwickeln sich keine dramatischen Spannungsbögen. Vielmehr fügen sich Sprache, Klänge, Bühnenbild und Kostüme stets aufs Neue zu Konstellationen, die munter aufeinanderfolgen, sich in Pointen auflösen, irritieren oder in ihrer grotesken Kraft stehenbleiben. Die vom Bauhaus propagierte Einheit von Kunst und Leben lässt sich mittels der Ästhetik einer Guckkastenbühne allerdings kaum, und sei es auch nur in Ansätzen, realisieren. Die Einheit von Kunst und dargestelltem Leben aber schon. Sie ist sogar der Kern und das Alleinstellungsmerkmal dieses Ensembles. Denn die Dinge, ihre Nützlichkeit und Widerständigkeit, aber auch ihre reine Ästhetik und Zweckfreiheit, sind integraler Bestandteil noch jeder seiner Produktionen. Die Kunstwerke, die Bildhauerarbeiten, die Körpererweiterungen aus der Werkstatt von Wilfried Fiebig machen diese Inszenierungen unverwechselbar. Die Schauspieler verfangen sich darin, befreien sich daraus, gebrauchen sie als Waffen oder Schutzschilde, als Aufplusterung zwecks Balz oder Revierkampf, als Zeichen ihrer Individualität und Zugehörigkeit, als Mittel von Macht und Herrschaft. Oft aber sind die Artefakte auch Hindernisse und beschwerliche Gegenstände, die man am liebsten loswürde, deren man sich aber nicht so einfach entledigen kann. Diese Werke sind die Welt, die Erde, die Wirklichkeit, aber genau so das ganz Andere, der Widerspruch, die Kunst, eine Gegenrealität aus eigenem Recht. Nicht zu vergessen aber ist der Beitrag der Musik: Der Sound, der sich Kompositionen aus diversen Jahrhunderten bedient, verleiht auch den skurrilsten Szenen emotionale Tiefe und gelegentlich komische Momente.

Michael Hierholzer

   

PREMIERE:
Donnerstag, 27. September
2019
20 Uhr

HOMMAGE AN WILHELM GENAZINO

„DAS MEER, DER FISCH, DAS TELEFONBUCH UND
1 SENFTÜPFELCHEN“
eine musiktheatralische Stadtballade nach Texten von Wilhelm Genazino


Premiere 2019
Freitag, 27. September, 20 Uhr
Samstag, 28. September, 20 Uhr
Sonntag, 29. September, 18 Uhr


Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de




Fotografie:
Sabine Lippert





Neubearbeitung nach 'Die Obdachlosigkeit der Fische' von Wilhelm Genazino



"DER PSYCHO-HISTORIKER DER ALTEN BUNDESREPUBLIK"
Je auswegsloser der Schriftsteller Wilhelm Genazino den Aberwitz unserer Zivilisation beschrieb, desto größeren Erfolg hatte er. Nun ist er im Alter von 75 Jahre gestorben, (SZ. Zeitungsmagazin )

Wilhelm Genazino war der Seismograf für die Seelenlandschaften der Bundesrepublik. Er hat die Jahre, in denen das Land etwas lockerer wurde, mythisch gemacht. Hier sind Sehnsüchte Zuhause, die nicht mehr viel mit Handlung, Ort, und Geschichte zu tun haben." Der Ausweg aus der ganzen Misere ist der Humor !
Wilhelm Genazino, allseits bekannter Autor, Literat, Stadtflaneur aus Frankfurt am Main, geehrt u.a. mit dem GEORG BÜCHNER PREIS 2004, erweist sich als Großmeister der Skurrilität, mit einer Vorliebe ausgeprägter schelmischer Alltäglichkeitserlebnisse, welche nun wiederum die visuellen Fantasien des E9N Ensemble aufs Höchste beflügeln. Die vom E9N dramatisierte Frankfurt Stadtballade berauscht Augen und Ohr und wird in 10 Bildern umgesetzt, Zum Beispiel, erleben wir ein verwahrlostes Telefonbuch, während dessen das Telefon-Kind märchenhaft zu tanzen beginnt. Der Komponist und vielseitige Musiker Martin Lejeune begleitet von Akkordeon und Percussion unterstreichen die visuell-akustischen Bilder. Multitalentierte Schauspieler/innen, wilde Skulpturen des Großmeisters Fiebig , und die Bild- und Erzählqualität des Ganzen, unter der Regie von Helen Körte, lassen ein Feuerwerk der Gefühle und grotesk ironischer Wortakrobatik ästhetisch hoch kochen, während die Fische ums überleben kämpfen.




Inszenierung / Regie:
Helen Körte

Bühne / Objekte / Kostüme:
Dr. Wilfried Fiebig

Kostüme:
Margarete Berghoff

Schauspiel:
Christian Lehmann, Eric Lenke,
Fernando Fernandez, Katrin Schyns,
Mirjam Bauer, Elena Thimmel,
Willi Forwick (Trompetenspieler)

Komposition / Musikalische Leitung:
Martin Lejeune (E-Gitarre, Banjo, Euphonium, Theremin)
Musik:
Stephan Weiler (Akkordeon)
Max Jentzen (Schlagzeug)

Lichtdesign:
Johannes Schmidt

Fotografie:
Sabine Lippert

Grafik:
Jörg Langhorst

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturamt Stadt Frankfurt am Main
Zoo Frankfurt
Teichmann Ohren und Augenwelt
HfG Offenbach

Der Text "Doro die Dorade"
(aus: "Der Fisch ist ein Gedicht", 2017 Verlag Antje Kunstmann)
erscheint mit freundlicher Genehmigung der Autorin Arezu Weitholz



   

PREMIERE:
Donnerstag, 11. April
2019
20 Uhr

Die neuen Helden Europas

Eine Musik-Theatralische
Geschichtsposse des E9N


Weitere Aufführungen:
Freitag, 12. April, 20 Uhr
Samstag, 13. April, 20 Uhr
Samstag, 20. April, 20 Uhr
Sonntag, 21. April, 18 Uhr
Donnerstag, 25. April, 20 Uhr
Freitag, 26. April, 20 Uhr
Sonntag, 28. April, 18 Uhr



Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de



Fotografie:
Sabine Lippert





Wiederholt sich Geschichte?

Selbstverständlich – wie jede Erzählung.
Don Quixote schreitet zur Tat und schon wird alles anders.
Ruhmreiche Heldentaten, die das vergangene goldene Zeitalter auferstehen
lassen im eisernen der Gegenwart, Prosa wird Poesie. Aus dem Blätterwald der Ritterliteratur brechen die Helden auf zu Inseln, Abenteuern.
Aus Minne eine endlose Reise durch Speisen, Verdauung, und Verdautes, die Leichtigkeit und Wucht der Musik, Heftigkeit des gesprochenen Wortes, springende Aufmerksamkeit in Licht und Finsternis von plötzlichem Black. Die schöne goldene Tourismusrenaissance im Schrecken der Berichte des Las Casas, Perlen der Buchweizen, Wohlgeruch von Schweiß der Arbeit, Windmühlen im Magen der Riesen Gargantuas, die alles verwandelnde Verrücktheit des reisenden Geldes. Geschichte rennt, die Käfige im Kopf der Köpfe im Käfig.

Und da Bücher brennen, wird es hell.



Regie / Konzeption / Dramaturgie:
Dr. Wilfried Fiebig

Komposition:
Theodor Köhler

Leitung E9N:
Helen Körte | Dr. Wilfried Fiebig

Bühne, Objekte, Objektkostüme:
Wilfried Fiebig

Gesang:
(Mezzosopran)
Martha Jordan
Rebekka Stolz

Violine:
Katrin Becht

Schauspiel:
Venerija Dik
Richard Köhler
Katrin Schyns
Stefan Wendel

Licht:
Johannes Schmidt
Grafik:
Jörg Langhorst
Foto Plakat:
Dr. Wilfried Fiebig

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturamt Stadt Frankfurt am Main
HfG Offenbach





PRESSESPIEGEL


Bild: Sabine Lippert

(Frankfurter Rundschau 13.04.19 10:28)

Euphorisch auf die Reise gehen
von Bernhard Uske

Das Ensemble 9. November schickt im Gallus Theater die „Neuen Helden Europas“ um die Welt.

Die neuen Helden Europas“ – so lautet der Titel der Produktion des Ensemble 9. November, die sein Spiritus Rector, Wilfried Fiebig verantwortet. Die neuen Helden, das sind die alten, die am Beginn ihres neuen Zeitalters vor 400 Jahren noch einmal die alten Spiele spielten. So wie es Don Quixote tat, der sich fühlt und wähnt in einer Welt, in der seine Wünsche Wirklichkeit sind und werden. Eine Text-Musik-Collage im Verein mit den Figurinen und Skulpturen, die das ästhetische Markenzeichen des ehemaligen Dozenten der Hochschule für Gestaltung Offenbach geworden sind. Deren Gestalt am Leib der Akteure ist wie ein dingliches Alter ego ihrer mentalen, hierarchischen und sozialen Verfassung. Das kommt in der knapp zweistündigen, von einer Pause unterbrochenen Aufführung im Frankfurter Gallus Theater aber erst im zweiten Teil zum Tragen, wo die sprechtheatralische Aufsagerei, die wie eine Litanei von allerlei Textblöcken aus der Reiseliteratur der damaligen Zeit wirkt, sich anders darstellt. Der Abend als ganzer: ein Frage- und Antwortspiel der reiselustigen, welterobernden Explorationsbegierden – unterbrochen von musikalischer Resonanz durch zwei Vokalistinnen. Rebekka Stolz sowie Pauline Jordan, die für ihre erkrankte Schwester Martha Ersatz war. Zwei schöne, gut harmonierende Stimmen, dazu die tragende Violinstimme Katrin Bechts und der Pianist und Komponist Theodor Köhler, der sich an musikalische Modelle der Renaissance angelehnt hat. Die musikalische Aktion trägt sehr viel und ist zu Recht von ihrer traditionellen Postierung am Rande der Bühne in deren Mitte gerückt. Die aufgeräumten und belustigten, im Angesicht ihrer Möglichkeiten der Globus-Umfassung Euphorisierten sind zwei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen, deren dramatische Auf- und Abwärtsbewegungen ein wenig nach dem Motto „Pack schlägt sich / Pack verträgt sich“ verlaufen. Nach der eher hölzernen und ruppigen Präsenz im ersten Teil bei manch schlechter Sprachverständlichkeit, kommen Venerija Dik, Richard Köhler, Karin Schyns und Stefan Wendel im zweiten Teil zu einer viel dichteren Präsenz. Ein Käferpanzerungsumriss aus diversen Plexiglasbruchstücken, der auch einen Anthropoiden darstellen konnte, beherrscht jetzt optisch die Szene und die Akteure im Rüstzeug ihrer restmüllwertigen Verpacktheit hatten choreografische Attraktivität. Das nahe am Absurden gleitende Spiel von Gewinn und Niederlage, von herrischer Geste und leerlaufender Interaktion, das sich mit dem einen und anderen Satz aus Überlegungen zur Geldwerttheorie Karl Marxens liiert, bekommt dabei Züge theatraler Sinnhaftigkeit, die die Aufmerksamkeit zu fesseln vermag.

(FAZ 13.4.2019)
von Michael Hierholzer

Schwer bepackt
„Die neuen Helden Europas“ im Gallus Theater

Rabelais und Cervantes, ein bisschen Villon, eine Prise Marx, aber was ist das alles gegen die Macht der Musik und die Wucht der Objekte. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, und das kann schon einmal ziemlich voluminés und unhandlich sein, ein Gefängnis, eine Panzerung oder aber in einem übertragenen Sinn die Last der Geschichte, der Überlieferung, der Symbole. Die Körperextensionen sind das Markenzeichen des „Ensembles 9. November“, kurz „E9N“, und sie stammen von Wilfried Fiebieg, Künstler, Philosoph und einer der beiden Köpfe der freien Gruppe. Er hat dieses Mal aber auch alles andere allein gemacht, die Textbearbeitung, die Inszenierung, wobei die Musik in den Gesamtkunstwerken von Fiebig und seiner sonst stets an den Projekten beteiligten Partnerin Helen Körte immer einen eigenständigen und verbindenden Part spielen. Theodor Köhler hat 21 Kompositionen für zwei Sängerinnen, Klavier und Violine verfasst, angelehnt an spätmittelalterliche und renaissancehafte Klänge, entsprechend den beiden Hauptautoren, deren Worte dem Stück „Die neuen Helden Europas“ zugrundeliegen. Wer damit angesprochen wird, bleibt ebenso unklar wie die Verbindung der nicht weniger als 55 Szenen, die der anderthalbstündige Abend bietet. Was bleibt, ist der Eindruck von Unbeholfenheit, mit der Welt zurechtzukommen, wofür vor allem die Figuren von Don Quichotte und Sancho Pansa stehen. Der Kampf gegen die Windmühlen wird mit einem plötzlichen Hang der Regie zum darstellerischen Realismus gezeigt, desgleichen das Werben um Dulcinea, die sich mit ihren Freundinnen schnippisch abwendet vom Ritter von der traurigen Gestalt. Er trägt ein besonders ausladendes Requisit auf dem Rücken, kein Wunder, dass er auf dem Weg durch Wahn und Träume ins Stolpern gerät. Frei agieren können derart bepackte Figuren kaum. Das will womöglich sagen: Das Leben ist derart beschwert, dass es für den Einzelnen überhaupt nicht zu schaffen ist, das Vorgegebene zu überwinden. Schon gar nicht das Konstrukt namens Europa. zer.

(Strandgut 04/2019)
von Winnie Geipert

Reise ins Goldene Zeitalter
Gallus Theater: Ensemble 9. November präsentiert
»Die Neuen Helden Europas«

Als ein »derb-komisches volkstümliches Bühnenstück« umschreibt der Duden die Posse. Mit einer solchen, genauer, einer »Musik-Theatralischen Geschichtsposse«, haben wir es beim jüngsten Werk des Ensemble 9. November (E9N) zu tun, das nun im Gallus Theater Premiere hat. »Die Neuen Helden Europas« nennt der nicht nur für das Konzept, die Dramaturgie und die Regie, sondern auch für Bühne und Objekte, sprich: die so typischen skulpturalen Körper-Kostüme von E9N zuständige Maestro Wilfried Fiebig seine jüngste Arbeit. Der »Künstler-Philosoph« (FAZ) und HfG-Dozent lässt es sich auch nicht nehmen, einmal wieder selbst aufzutreten, bleibt aber gewiss nicht alleine auf der Bühne. Vier Schauspieler (Venerija Dik, Richard Köhler, Katrin Schyns, Stefan Wendel), zwei Sopranistinnen (Martha Jordan, Rebekka Stolz) sowie die Violinistin Katrin Becht und Theodor Köhler als Komponist und Pianist, der im zweiten Teil des Abends sogar ein Spinett bedienen wird, sollen ein weiteres Gesamtkunstwerk der Marke E9N realisieren. Viele vertraute Namen dabei, von denen man manche, inklusive Licht-Designer Johannes Schmidt, im gefeierten und gepriesenen Helden-Vorgänger »Die Uneinholbarkeit der Verfolgten« erleben durfte. Nur Fiebigs kongeniale E9N-Partnerin Helen Körte vermisst man im Line-Up. »Wiederholt sich Geschichte?«
lautet Fiebigs Frage an dieses Stück, für deren Beantwortung er sich, so ist beim Besuch in seiner Werkstatt am Ostpark zu erfahren, erneut auf klassische Texte und Figuren der Weltliteratur stützen wird, dieses Mal der Renaissance: »Gargantua und Pantagruel« (1532) von Francois Rabelais und »Die Abenteuer des Don Quijote« (1605) von Miguel de Cervantes. Im ersten Teil des Abends werden wir Rabelais‘ rüde Riesen als Reisegesellschaft bei einem Inselhopping erleben, das diese mit Strukturen von Gesellschaften konfrontiert, von denen sich mühelos Brücken ins Heute schlagen lassen. Korruption, politischer Größenwahn, Machtmissbrauch, Fake-News, alles ist benannt, alles bekannt. Selbst im weltweit tobenden Krieg um die begehrten Fladen lassen sich unschwer Parallelen zum Kampf um Rohstoffe ziehen. Lächerlich? Mitnichten! Zum Lachen? Allemal! Schließlich kann die Conclusio eines Abends, der quasi homerisch mit einer Lachouvertüre nach Ariosto beginnen wird und mit Don Quijote im Goldenen Zeitalter mündet, nur lauten: Selbstverständlich wiederholt sich die Geschichte!
In das Zentrum seiner Inszenierung will Fiebig allerdings die Musik zu Texten überwiegend von Francois Villon (1431-1461) platzieren. Nicht mehr am Rande, wie sonst, sondern mitten auf der Bühne haben die Instrumente und Sängerinnen ihren Platz. Um sie herum lädt das Spiel der Mimen, das man sich nicht als zielgerichteten Handlungsablauf, sondern als einen pittoresken Szenenreigen vorstellen sollte, zum fröhlichen Assoziieren ein. Und – toi, toi, toi – zum Kunstgenuss.

   

ERÖFFNUNG:
Freitag, 19. Oktober 2018

30 Jahre E9N
Highlights aus 30 Jahren
Ensemble 9. November

JUBILÄUMSFESTIVAL



Alle Aufführungen:
JUBILÄUMSFESTIVAL
Freitag, 19. Oktober 2018, 20 Uhr
Samstag, 20. Oktober 2018 ,20 Uhr

Szenen eines Kulturvolkes
Mittwoch 24. Oktober 2018, 20 Uhr
Freitag 26. Oktober 2018, 20 Uhr
Samstag 27. Oktober 2018, 20 Uhr
Sonntag 28. Oktober 2018, 18 Uhr
Gastspiel in der Stadthalle Oberursel:
Montag 12. November 2018, 19:30

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de




Fotos:
Sabine Lippert




Zum 30jährigen gibt es
ein Fest der Künste


Gallus Theater: Das E9N macht einen Strauß auf
und zeigt noch viermal »Szenen eines Kulturvolks«



So vielfältig und einzig sich die Frankfurter Theaterszene auch selbstgefällig nennen mag, das Prädikat eines Unikats können sich nur ganz wenige ans Revers heften. Mehr noch als das WillyPraml-Theater, das vielen da ad hoc einfallen mag, kann sich so das vor allem ästhetisch als Antipode zu verortende Ensemble 9. November schmücken. Seine künstlerischen Leiter, die einstige Literaturdozentin Helen Körte und der Philosoph, Dozent und bildende Künstler Wilfried Fiebig, haben ein einzigartiges Format entwickelt, das die verschiedensten Künste in einer zirzensischen Pracht zu vereinen weiß. Solche Feste der Sinne, auch des Intellekts, die sich meist auf literarische Vorlagen beziehen, gibt es sonst nirgendwo.
Drei Termine sollten sich die E9NFans wie auch alle, die es werden wollen, für den Oktober reservieren:
Für die beiden eigenständigen Highlights-Abende den 19. u. 20. sowie einen der vier Termine (siehe unten) von »Szenen eines Kulturvolks«. Gezeigt wird im ersten Teil ein Programm, das sich über beide Abende erstreckt und in zweimal sechs Szenen das weite Spektrum der bisherigen Arbeiten des Künstlerduos mit mancher Neuerung und einigem noch nie Gezeigtem ahnen und schillern lässt. – Zauber inklusive: von Margaret Atwoods »Gute Knochen« über Laurent Quintreaus »Tanz der Heuschrecken« bis zu Federico Fellinis »La strada« und Garcia Lorcas »Bluthochzeit«. Dass das Scharen von Frankfurter Schauspielern und Schauspielerinnen zusammen kommen, die man lange nicht sah, versteht sich. Insgesamt hat das Ensemble 9. November seit seiner Gründung dreißig choreografierte Musiktheaterstücke kreiert. Der zweite Block des Jubiläumsmonats gilt jenem so ganz anders gestalteten Stück, das am Anfang des Ensembles steht und diesem anlässlich der Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 1989 zu seinem Namen verhalf: Das als Oratorium konzipierte »Szenen eines Kulturvolks«. Die mit acht Darstellerinnen, neun Musikerinnen und einer Mezzosopranistin bestrittene Arbeit basiert auf Fanja Fénelons autobiografischem Buch »Das Mädchenorchester von Auschwitz« und machte das E9N schlagartig und über die deutschen Grenzen hinaus bekannt. Weil sie immer wieder darauf angesprochen und darum gebeten werden, nehmen Fiebig und Körte das bisher schon rund sechzigmal aufgeführte aufwendige Stück wieder auf. Aber auch, weil es ein passendes Stück zu den jüngsten Entwicklungen in der Bundesrepublik ist.

( STRANDGUT 481-18-10 s Oktober 2018 - Winnie Geipert )

Termine »Highlights«:
19., 20 Oktober, 20 Uhr
Termine »Szenen«:
24., 26., 27. Oktober, 20 Uhr;
28. Oktober, 18 Uhr


Eröffnung: David Dilmaghani ( Leiter des Dezernats- büros Kultur & Wissenschaft, Stadt Frankfurt am Main )
Dr. Ruth Fühner ( hr 2 - Kultur )

Im Anschluß unterschiedliche Highlights aus unserem Repertoire: Darstellendes Spiel, Musik, Gesang, Choreographie, Film, Bildende Kunst.
In Anbetracht der Tatsache, daß das Gallus Theater ein Maximum von 160 Sitzplätzen hat, werden beide Abende voraussichtlich sehr schnell ausverkauft sein.



Wer diese beiden besonderen Abende nicht verpassen möchte, sei dringlichst dazu ermuntert, rechtzeitig zu reservieren! Ehrlich gesagt - verpassen wäre eine Sünde...
„Theater erleben mit allen Sinnen. Das ist so geglückt wie beglückend und ungemein stimmig.“

( Strandgut Kulturmagazin )



Anschließend festliches Buffet am Freitag 19. und Samstag 20. Oktober 2018.


Helen Körte
Dr. Wilfried Fiebig
Leitung Ensemble 9. November“
Regie, Dramaturgie, Inszenierung


Komposition:
Bastian Fiebig, Theodor Köhler,Uwe Kremp, Martin Lejeune, Elvira Plenar

Musik:
Jens Hunstein, Martin Lejeune, Elvira Plenar, Bastian Fiebig,
Theodor Köhler, Christian Diederich, Jürgen Faas,
Stefan Weilmünster, Susanne Riedl-Komppa, Katrin Becht

Gesang:
Bernadette Schäfer, Sophie Wenzel, Monica Ries, Dzuna Kalnina, Ingrid El Siga

Bühne, Objekte, Objektkostüme:
Wilfried Fiebig
Kostüme:
Margarete Berghoff, Wilfried Fiebig

Choreographie:
Helen Körte

Schauspiel:
Claudio Vilardo, Elena Thimmel, Mirjam Baur, Willi Forwick,
Hanna Linde, Ingrid El Sigai, Eric Lenke, Venera Dik,
Dieter Landuris, Annemieke Plößer, Matilda Antinori,
Janine Karthaus, Ruth Klapperich

Licht:
Johannes Schmidt
Film, Projektionen, Grafik:
Jörg Langhorst
Fotos:
Sabine Lippert




Szenen eines Kulturvolkes

Szenisches Oratorium
über das Frauenorchester in Auschwitz

Mittwoch 24. Oktober 2018, 20 Uhr
Freitag 26. Oktober 2018, 20 Uhr
Samstag 27. Oktober 2018, 20 Uhr
Sonntag 28. Oktober 2018, 18 Uhr
im Gallus Theater
Gastspiel in der Stadthalle Oberursel:
Montag 12. November 2018, 20 Uhr

Auf allgemeinen Wunsch zeigen wir, das auch von der Kritik wiederholt ausgezeichnete Szenische Oratorium „Szenen eines Kulturvolkes“.Zur Erinnerung an die Reichspogromnacht fand die Uraufführung des Stücks auf Einladung der Stadt Frankfurt/M am 9. November 1988 statt. Seitdem ist das Stück ein fester Bestandteil unsres Repertoires; aufgeführt von acht Frauen, auf einem 4m x 5m Podest, gegenüber einem elfköpfigen Philharmonischen Orchester und einer Mezzosopranin - ebenfalls auf einem Podest von 4m x 5m.

Der Dichter Erich Fried schrieb zur Dramatisierung des „Ensemble 9. November“ 1988:
„Ihre Dramatisierung des Mädchenorchesters von Auschwitz finde ich nicht nur gut, sondern erschütternd. Ich bin nicht nur bereit, es zu empfehlen, sondern betrachte die Aufführung als kulturelle, kulturgeschichtliche und geschichtliche Notwendigkeit.“

„Auschwitz in den Kulturbetrieb zu transportieren bedeutet ein Wagnis. Helen Körte hat mit ihrem Theaterprojekt gezeigt, daß dies nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist. Und nicht nur Künstler sollten sich daran erinnern, daß Kultur vor menschlicher Barbarei niemanden geschützt hat.“
(FNP 1989)

„Die szenische Collage führt ein Model vor, wie heutige Auseinandersetzung mit dem Part der Opfer aussehen kann. Hier entstand eine unglaublich suggestive Stunde Theater, beklemmend und aufrüttelnd in ihrer Wirkung.“
(Leipziger Volkszeitung 1998)

Regie, Dramaturgie, Inszenierung:
Helen Körte
Bühne:
Dr. Wilfried Fiebig

Dirigent, Musikalische Leitung:
Armin Rothermel.
Mezzosopranistin:
Monica Ries

Musik:
Rüdiger Orthmann, Ludwig Lohwasser, Waltraud Müller - Thurgau,
Steff Taibi, Manuel Christ, Gertrud Silbenhorn,
Mareike Oehler, Christian Müller, Ulrike Fröhling

Schauspiel:
Birgit Heuser, Janine Karthaus, Simone Greis,
Venera Dik, Gabi Graf, Dzuna Kalnina,
Ruth Klapperich, Marlene Zimmer

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturamt Stadt Frankfurt am Main
Peter Ustinov Stiftung
Kulturfonds Rhein Main
HfG Offenbach

   

PREMIERE:
Donnerstag, 19. April 2018

DIE UNEINHOLBARKEIT DES VERFOLGTEN
Eine Legende der Literatur - von allen Künsten gejagt

URAUFFÜHRUNG




Alle Aufführungen:
Donnerstag, 19. April 2018, 20 Uhr
Freitag, 20. April 2018, 20 Uhr
Samstag, 21. April 2018 ,20 Uhr
Sonntag, 22 April 2018, 18 Uhr

Donnerstag, 17. Mai 2018, 20 Uhr
Freitag, 18. Mai 2018, 20 Uhr
Samstag, 19. Mai 2018, 20 Uhr
Sonntag, 20. Mai 2018, 18 Uhr

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de







Fotos:
Sabine Lippert





Verfolgung ist eine historische Wirklichkeit
- vielfältig und schrecklich auch heute.


Dr. Wilfried Fiebig, Helen Körte

Die Uneinholbarkeit des Verfolgten ist real, eine Tatsache. Ihre Logik ist dialektisch. Ihre Ästhetik, alle Künste, umfassend: Film, Literatur, Malerei, Design, Technik, Musik, Oper, Ballett, ff., haben mit dem "Ewigen Juden" seit der Neuzeit einen, für die "literarische Phantastik" wieder und wieder kehrenden, vom Tod nicht eingeholten, Verfolgten. Bei aller Kunst ist er doch, in seinem Ursprung, ein Produkt religiöser Phantasie.
Nicht nur schlüpft er in wechselnde Personen, wechselnde Welten, wechselnde Zeiten, erfüllt so literarisch wechselnde Erzählungswirklichkeiten.
Für das E9N bildet dieser Gegenstand eine besondere Herausforderung und Motivation, darauf poetisch, inhaltlich und ästhetisch, mit einem Gesamtkunstwerk zu antworten.

Alle Widersprüche erspielen sich in einem Verhältnis dreier Personen, die die Katastrophen der Natur mit Katastrophen gegenseitiger Verfolgung beantworten. "Die Eingeschlossenen" von Jean Paul Sartre, erinnern mit seinem Schema daran.

Während sich je zwei gegen je einen abwechselnd zusammentun, bilden diese zwei für kurz ein Liebesbündnis, das Versprechen eines Friedens aus Blüten, Apfelbäumen, zeitlos wiederkehrendem Grün, der Freundlichkeit von Goethes Harfner und der kindlichen Naivität Mignons, dem Liebesversprechen weiblicher Unschuld aus und in kolonialer Ferne Indiens, dem Trost des Phönix, der sich verbrennend, verjüngt wieder aufersteht, der Verfolgte ein Grün, das, nur aus blau und gelb zusammensetzt, wirklich ist; ein Verfolgter, dessen Gestalt sich auflöst und als Schwarm davonfliegender Bienen erscheint, die schließlich der Imker, mit ihrer Königin, wieder einfängt, und Eva, Eva, am Ende und Anfang immer wieder Eva, Glück und Unglück Adams ff. Dazwischen wiederholt Stürme der Natur, zynisches Lachen des verfolgenden Verfolgten, Verhöre der Heiligen Inquisition, ein Fremder, Fremder...

Was nicht gesagt werden kann, erzählen: Musik (Geige, Piano, Gesang, Trommeln, Einspielungen), Bilder, Choreographien des darstellenden Spiels, Licht, eine Welt der Objekte und Objektkostüme.

Literatur: "Die Uneinholbarkeit des Verfolgten. Der Ewige Jude in der literarischen Phantastik" Mona Körte, 2000 Campus Verlag, Frankfurt/New York.

INSZENIERUNG, DRAMATURGIE
OBJEKTE, BÜHNE

Dr. Wilfried Fiebig

SZENISCHE ARBEIT
Helen Körte

KOMPOSITION / PIANO
Theodor Köhler

VIOLINE
Katrin Becht

GESANG
Bernadette Schäfer (Sopran)
Sophie Wenzel (Mezzosopran)

SCHAUSPIEL
Venerija Dik
Sebastian Huther
Damaso Mendez

LICHT
Johannes Schmidt

GRAFIK
Joerg Langhorst

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturamt Stadt Frankfurt am Main
HfG Offenbach

PRESSESPIEGEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.04.2018:

„Die Uneinholbarkeit des Verfolgten“
von Wilfried Fiebig und Helen Körte im Frankfurter Gallus-Theater

Der elegische Ton ist angebracht, wenn es um die Ewigkeit geht und alles Endliche einem wie leerer Tand vorkommt. Und er scheint der Romantik angemessen, die in der Inszenierung mit dem sperrigen Titel „Die Uneinholbarkeit des Verfolgten“ vor allem musikalisch zitiert wird, aber auch immer wieder in poetischen Bildern zum Vorschein kommt. Dass mit den Liedern aus Goethes „Wilhelm Meister“ ausgerechnet solche Passagen aus dem Werk des Dichters vorgetragen werden, die gemeinhin als Reminiszenzen an romantische Motive gelten, scheint da kein Zufall zu sein. Und auch nicht, dass das Thema dieses kurzen Abends eines ist, das in der Romantik auf besonderes Interesse stieß und etwa auch von Heinrich Heine behandelt wurde. Der Ewige Jude, der rastlos durch die Zeiten irrt, ohne je zur Ruhe zu kommen, hat die Autoren jener Zeit fasziniert, eine literarische Legende, die Wagner in seinem „Fliegenden Holländer“ aufgegriffen hat – nur die uneingeschränkte Liebe einer Frau kann ihn erlösen. Der Mythos von Ahasver, der vom Antijudaismus der Kirche geprägt ist, wurde zu einem Märchenstoff, zu einer phantastischen Erzählung, in der sich die Sehnsucht nach der Unendlichkeit ebenso widerspiegelt wie das Entsetzen vor einer end- und haltlosen Existenz.
Wilfried Fiebig und Helen Körte haben im Frankfurter Gallus-Theater die Figur als eine, die in der literarischen Phantastik herumspukt, auf die Bühne gebracht, zeigen ihn aber auch explizit als Verfolgten, der doch immer wieder entkommt, weil er verdammt ist zum ewigen Leben. Ahasver wird so auch zum Symbol all derer, die Verfolgung erleiden. Desgleichen freilich zu einem gleichsam überirdischen Helden, gegen den keine weltliche Macht etwas ausrichten kann. So lässt sich die heitere Note erklären, die in diesem Stück die elegisch-romantischen Grundhaltung gelegentlich auflockert. Die Vielzahl der visuellen Ideen ist frappierend. Das beginnt mit zerfetzten Segeln, Nürnberger Spielzeug tritt zutage, der Vogel Phönix mit rot-goldenem Gefieder, und wenn man denkt, ein Taucher komme mit einem Goldschatz daher, erfährt man: Es ist ein Imker mit seinen Bienen. Für einen kurzen Augenblick nur tritt der Darsteller in einem grotesk- poetischen Objekt-Kostüm vor die Zuschauer.
Und so geht es fort und fort: Aufwendige skulpturale Kunst am Körper oder auf dem Boden oder an der Decke, geschaffen von Fiebig, dem Künstler- Philosophen, der auch die Texte entwickelte, fügen sich zu szenischen Tableaux von großem Zauber. Die Kompositionen stammen bis auf eine Schostakowitsch- Einpielung, die zu Beginn vom Band läuft, von Theodor Köhler, der die Aufführungen am Piano begleitet. Katrin Becht unterstützt ihn an der Violine. Die Sopranistin Bernadette Schäfer und die Mezzosopranistin Sophie Wenzel sorgen für musikalische Momente von ungemeiner Schönheit. Als Schauspieler agieren Venerija Dik, Sebastian Huther und Damaso Mendez. Rollen im traditionellen Sinn darf man nicht erwarten, es kommt darauf an, die Assoziationen wirken zu lassen und sich der Kombination aus Text, Bildern und Musik hinzugeben. Dann erlebt man ein sehr besonderes Theaterglück.
MICHAEL HIERHOLZER


Frankfurter Rundschau vom 21.04.2018:

Magie der Dinge

Das Ensemble 9. November beschäftigt sich mit Ein- und Ausschluss.
Von Bernhard Uske

Die Rolle des Verfolgten, des Verstoßenen als kulturelles Paradigma: ein Dynamo von Ein- und Ausschluss. Ein Thema, dem man sich tunlichst mehrdeutig nähern sollte, denn der „homo sacer“ ist der Stigmatisierte und Charismatische zugleich, der zudem noch seine Position zu wechseln vermag. Ein heikles Thema und damit genau eines für das Ensemble 9. November, wo Dialektik, der Durchgang durch Widersprüche, immer realisierbar ist. Konzepten, die von Wilfried Fiebig und Helen Körte zu vielperspektivischer Theatralik gebracht werden. Mensch-Objekt-Konstellationen in offenen dramatischen Verläufen sind das Markenzeichen dieser jetzt seit 30 Jahren aktiven Truppe, die Bildende Kunst, Design, Licht, Choreografie, Musik und Theater zu eigensinnigen Synthesen führt. Der zeitgenössische, gesamtkunstwerkliche Habitus verdankt sich besonders den Objekten Fiebigs. Als Raum bildende Skulpturen, als Kostüm-Rüstungen, als archetypische Zeichen ergeben sie eine eigenartige Ding-Magie, die oft mehr als Worte Ausdruck zu schaffen vermag. Das gilt auch für „Die Uneinholbarkeit des Verfolgten“, die neueste Produktion von E9N, die im Gallus-Theater Premiere hatte.
Drei Schauspieler (Venerija Dik, Sebastian Huther, Damaso Mendez), zwei Sängerinnen (Bernadette Schäfer, Sophie Wenzel), eine Geigeri, ein Pianist, die einen Parcours ausschreiten, singen und spielen, der das Thema in vielen Stationen anspielt. Die männlichen Stimmen nicht immer gut verständlich, anmutig und behend die Schauspielerin. Von einer collagierten Einspielung aus Dmitrij Schostakowitschs 7. Sinfonie abgesehen, stammt die Musik, auch der gesungenen Beiträge (vor allem die Lieder der Mignon), von Theodor Köhler, der der Pianist des Abends ist. Eine strenge, reduzierte Tonalität, bei der einem die Bezeichnung eines lockeren Arvo- Pärtialismus in den Sinn kommen konnte. Die Führung der Geigenstimme (mit schönem, klaren Ton Karin Becht) passt dazu bestens. Die beiden jungen Sängerinnen haben schöne, warme, mit feinem Vibrato ausgestattete Stimmen. In der grundlegend gedeckten, oft dunklen Atmosphäre des Stücks stellen sie das mildernde, auflichtende Moment dar. Ihr Auftritt gestaltete sich in einer Art üppigen Bauchladen-Korsettage: Gebrauchsmaterialien-Rokoko. Wie überhaupt das Fiebigsche Material- und Objektgestaltungsverständnis den Eindruck eines zersetzten und neu formierten industrie - ästhetischen Barock macht. Die Konstellation von Schauspielern und Objekten im Verein mit den Sängerinnen waren das Zwingendste des gut einstündigen Stücks, wo nur eine unnötige Pause störte. Ist es Zufall, dass gegenwärtig im Foyer des Gallus-Theaters ein großer Bilderzyklus von Kai Teichert, „Licht + Luftbad“ (2018), gezeigt wird? Ein glänzender Kontrapunkt:
dort die Konzentration der in Spannung und Dichte in Objekten gefangenen Körper; hier ein zeitgenössisches Arkadien fast klassizistischer Harmonie nackter Leiber.


Frankfurt Neue Presse vom 21.04.2018:

Der "Ewige Jude" läuft durch die Geschichten

Das Ensemble 9. November zeigt die Collage "Die Uneinholbarkeit des Verfolgten" im Frankfurter Gallus-Theater.

Der "Ewige Jude" wandelt nicht nur seit Jahrhunderten der Sage nach durch die Welt. Ahasver, wie er hierzulande gerne genannt wird, taucht auch in künstlerischen Werken verschiedenster Gattungen auf.
Das Ensemble 9. November hat sich nun des Sujets angenommen und zeigt im Frankfurter Gallus-Theater unter dem Titel "Die Uneinholbarkeit des Verfolgten" eine Collage aus Schauspiel, Livemusik und Performance, die sich zahlreicher literarischer Zitate bedient.
Der Legende nach hat ein Mann unbekannter Herkunft, später gerne als jüdischer Schuhmacher identifiziert, Jesus Christus auf dessen Weg zur Kreuzigung verspottet und ihm die Rast vor der eigenen Haustür verwehrt. In manchen Versionen der Geschichte soll dieser Fremde es sogar gewesen sein, der das Volk dazu anstachelte, die Hinrichtung zu fordern. Der Gottessohn soll dem Unbarmherzigen im Gegenzug den Fluch auferlegt haben, als Wanderer für immer auf der Erde herumzuirren und nie vom Tod eingeholt zu werden.
Die drei Schauspieler Venerija Dik, Sebastian Huther und Damaso Mendez widmen sich unter der Regie von Wilfried Fiebig, unterstützt von Helen Körte, in oft ineinanderfließenden Szenen den mit der Figur verbundenen Themen wie Ausgrenzung, Verfolgung, Geißelung und Inquisition. Sie lehnen sich dabei in karikierenden Kostümen an mal mehr, mal weniger bekannte Vorlagen an, die nicht alle so leicht herauszufiltern sind wie "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Zwei Sängerinnen, Bernadette Schäfer und Sophie Wenzel, von Johannes Schmidt in Lichtkreise getaucht, stellen Goethes berühmte Frage nach dem Land, wo die Zitrone blühen, auf musikalische Weise, begleitet von Pianist und Komponist Theodor Köhler und der Violinistin Katrin Becht.
Drei Personen sind perfekt dafür geeignet, dass sich immer eine außen vor fühlt. Mittels bisweilen poetischer, drastischer oder auch ins Lächerliche ziehender Bilder wie dem eines Imkers, der sein entwischtes güldenes Bienenvolk samt monumentaler Königin wieder eingefangen hat, entfaltet sich über nur wenig mehr als eine Stunde ein fantasievolles Puzzle. Das trotz aller Kreativität die Ernsthaftigkeit und Aktualität im Hintergrund aber nicht überdeckt.
VON KATJA STURM

   

PREMIERE:
Donnerstag, 2. November 2017

DENKE ICH AN KAFKA
WERDE ICH ZUM FUCHS








Fotos:
Sabine Lippert


Alle Aufführungen:
Donnerstag, 2. November 2017, 20 Uhr
Freitag, 3. November 2017, 20 Uhr
Samstag, 4. November 2017 ,20 Uhr
Sonntag, 5. November 2017, 18 Uhr

Mittwoch, 15. November 2017, 20 Uhr
Donnerstag, 16. November 2017, 20 Uhr
Freitag, 17. November 2017, 20 Uhr


Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de



Eine musikalische Groteske mit unabsehbaren Folgen.

URAUFFÜHRUNG


Nach der Erzählung von David Garnett “ Dame zu Fuchs“
Deutsche Übersetzung Maria Hummitzsch, Doerlemann Verlag



„Wenn Frauen fuchsig werden.“ (Zeit Online)

David Garnett, englischer Autor, bewegte sich in den berühmten literarischen Zirkeln um Virginia Woolf (Bloomsburrygroup). Bekannt wurde er vor allem nach dem Erscheinen seiner Novelle:
"Dame zu Fuchs" 1922.
Zehn Jahre, nachdem Franz Kafka seinen Gregor Samsa in ein unwürdiges Insekt verwandelte, findet hier eine ebenso merkwürdige Metamorphose statt: " Mann bleibt Mann, Frau wird Fuchs".
Leichtfüßiger und weniger düster als Kafkas Verwandlung, erleben wir bei Garnett ein ironisch gestricktes Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Das Zusammenleben mit Mrs. Tebricks fortschreitender " VERPELZUNG", mit Humor und einer allumfassenden Wärme beschrieben, erweist sich dennoch als äußerst komplex. Der Prozess der Verwilderung schreitet voran, erzeugt jedoch immer wieder Funken menschlicher Nähe. Unaufhörlich strahlt die Liebe Mr. Tebricks zu seiner Fähe, schmerzhaft komisch in seinem Bemühen, sie als Frau und später auch als Tier anzuerkennen. Eingebaut ist ein dramatischer Schachzug von 3 Fabelwesen, die sowohl die Atmosphäre als auch die Handlung mit Choreografien, Objekten und obskuren Bildern anheizen.
"Dame zu Fuchs" ist eine Liebesgeschichte, die aus ungewöhnlichen Perspektiven an den Gitterstäben der Konventionen rüttelt." (Deutschland Funk)
"Ein wunderbares Vexierbild der Liebe", ein Taumel rasanter Bilder, voll trunkener Ästhetik, außergewöhnlichen Objekten und Kostümen, lassen raffinierte Rhythmen und rätselhafte Körpersprache entstehen. Wie immer ein "Gesamtkunstwerk".

Das Ensemble 9 November lädt alle Liebhaber von Kunst zu dieser ästhetischen Partitur der Sinne ein!

Regie / Dramaturgie
Helen Körte

Bühne / ObJEKTE
Wilfried Fiebig

Musik
Elvira Plenar
(Komposition, Piano)

Choreographie
Damaso Mendez

Kostüme
Margarete Berghoff

Licht
Johannes Schmidt

Schauspiel
Raiija Siikavirta (Füchsin)
Michael Fernbach (Mr. Tebrick)
Fabelwesen: Janine Karthaus, H. Linde
Damaso Mendez

Zeichentrick
Leonore Poth

Storyboard
Helen Körte

Ausschnitt "Uterus Film"
Andreas Dominiak, Mari Krehe

Grafik / Animation
Jörg Langhorst

Fotografie
Sabine Lippert

Regieassistenz
Hanna Linde

Mit freundlicher Unterstützung des Kulturamts Frankfurt und der FAZ Stiftung


PRESSESPIEGEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.11.2017:

Die Gattin hat die Gans gestohlen
Eine Frau verwandelt sich in einen Fuchs, der Mann liebt sie trotzdem. Was für ein Theater.

Von Hans Riebsamen

Möchte man lieber Käfer sein oder Fuchs? Denkt man an den armen Gregor Samsa, der in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ eines Morgens als „ungeheures Ungeziefer“ erwacht, würde man doch lieber in einen Fuchs verwandelt sein. Der wird immerhin geliebt, zumindest in der 1922 entstandenen Erzählung „Lady into Fox“ des britischen Dichters David Garnett.
Im Gallus Theater lässt Helen Körte in ihrer Inszenierung der Hauptdarstellerin Raija Siikavirta, die mit ihrer verwegenen rotblonden Kurzhaarfrisur ohnehin etwas Fuchshaftes besitzt, einen Fuchsschwanz wachsen und ein Fell, das ihren Rücken sowie ihre rechte und linke Seite plötzlich ziert. Sie schnurrt und knurrt sich bezaubernd durch das Stück.
Vorerst stielt diese Füchsin aber noch nicht die Gans, sondern schmiegt sich wie ein Kuscheltier an den Menschengatten an, dargestellt vom überzeugend derangierten Michael Fernbach. Doch dann wird’s immer schwieriger für das seltsame Paar. Fünf junge Füchslein wecken zwar den Vatertrieb des Weiterhin-Ehemanns, doch gezeugt hat sie ein richtiger Fuchs. Da muss selbst der toleranteste Mann eifersüchtig werden. Dabei hat es so schön romantisch angefangen mit Mr. und Mrs. Tebrick, die frisch verheiratet sind und sich glücklich im Kreise drehen. Nun tritt auf einmal die tierische Natur zwischen die Liebenden, die junge Gattin wird pelzig und riecht nicht mehr wie ein schönes Weib, sondern wie ein streunender Fuchs. Zum Glück liebt der Gatte die Fuchs gewordene Ehefrau auch weiter, selbst wenn diese seltsame Angewohnheiten annimmt und auf Entenjagd geht. Wie immer verzichtet Regisseurin Körte auch in ihrer Bühnenadaption der Fuchs-Erzählung mit dem Titel „Denk ich an Kafka, werde ich zum Fuchs“ auf Realismus und psychologische Einfühlung. Sie setzt stattdessen auf starke Bilder, präsentiert ihre Darsteller als lebende Kunstwerke, stellt sie auch zwischen Kunstwerke, die Bühnenbildner Wilfried Fiebig glitzernd von der Decke baumeln lässt. Schauspiel, Tanz, Musik, Gesang, Film — Körte lässt keine Kunst aus, sondern führt die Gattungen zu einem unterhaltsamen Gesamtkunstwerk zusammen". Ja, in dieser Inszenierung zeigt die Regisseurin, dass sie durchaus auch einen Spaß zu machen versteht. Das Verwandlungsdrama ist recht eigentlich eine Komödie, die zur komischen Farce neigt. Den Part der Erzähler übernehmen als drei Fabelwesen Janine Karthaus, Hanna Linde und Damaso Mendez, denen die Regisseurin allerhand Verwandlungskunst abverlangt.
Auch Fernbach als der arme Gatte, der ob seines Unglücks menschenscheu wird und erst wieder ein rechter Mann sein wird, wenn die Füchsin erlegt ist, treibt die Geschichte mit Worten voran. Die der Menschensprache nicht mehr mächtige Füchsin darf dagegen allenfalls mal in hündisches Heulen ausbrechen. Endlich erfahren wir mal, welche Laute Meister Reineke eigentlich von sich gibt. Vielleicht klänge er weniger schön ohne die Begleitung von Elvira Plenar, die an Klavier und Synthesizer dem Stück eine avanciert musikalische Basis gibt. Was hätte Kafka wohl dazu gesagt? Wahrscheinlich hätte er Körte gebeten, seine „Verwandlung“ in ähnlicher Art auf die Bühne zu bringen.

Frankfurter Rundschau vom 4.11.2017:

Die Verwandlung
Das Ensemble 9. November findet wunderbare Bilder und Töne für David Garnetts Roman „Dame zu Fuchs“.

Von Judith von Sternburg

Der Roman „Dame zu Fuchs“ des Briten David Garnett (1892—1981) brachte dem Zürcher Dörlemann Verlag Anfang 2016 einen unerwarteten Renner (dem sich, ebenfalls empfehlenswert, Garnetts „Mann im Zoo“ anschloss). Auf Englisch erschien das Buch 1922 und erzählt — wie zuvor Franz Kafka in einem anderen Land, und Garnett kann das eigentlich nicht gewusst haben — von einer unvorhergesehenen Verwandlung; hier aber einer jungen Frau in eine F ähe und erlebt aus der Sicht ihres Mannes. Ihr Mann ist verhältnismäßig gefasst. Er liebt die Füchsin erst prinzipiell, dann mit Leidenschaft weiter und bemüht sich insgesamt, das Beste aus der Situation zu machen. Das Beste aus der Situation? Was mag das sein? Auch wenn Garnett nicht umhinkommt, die praktischen und grotesken Seiten der drastischen Veränderung zu thematisieren — Geruch, Kleidung, Moral, Ernährungsgewohnheiten, und wie verbringt man hinfort die Abende zusammen? —‚ ist „Dame zu Fuchs“ ein leichtherzigerer, aber doch naher Gregor Samsa —Verwandter. Das Ensemble 9. November nennt seine Version des Romans also „Denk ich an Kaka werde ich zum .Fuchs“ und führt im Frankfurter Gallus-Theater in eine Zauberwelt der Metamorphosen. Musikalisch angeführt von Elvira Plenar am Klavier —‚ in dem „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ gerupft, Unterhaltungs- und Volksmusiken herangeweht, Popsongs sanft verfremdet werden. Szenisch, indem seltsame Wesen die Erzähl- regie übernehmen und die wie für diese Rolle auf die Welt und zu ihrem Beruf gekommene Raiija Siikavirta sich in die Füchsin verwandelt. Der erste Teil der Metamorphose geht geschwind. Im Buch braucht es 1 Satz dafür, im Theater überbrücken die unheimlich gewitzten Fabelwesen Janine Karthaus, Hanna Linde und Damaso Mendez mit frankensteinischem Zinnober die Zeit zum Umziehen (ausgeflippte Kostüme: Margarete Berghoff).
Auch soll man sehen, dass es keine Kleinigkeit ist, zum Fuchs zu werden. Der zweite Teil der Metamorphose — nicht nur wie eine Füchsin auszusehen, sondern eine zu sein — dauert länger und spiegelt sich en detail in Raiija Siikavirtas Gesicht. Zärtlichkeit und Schönheit obsiegen im Gallus-Theater in einer denkbar verschrobenen Lage. Die Liebe des Ehemannes ist so entschlossen und sympathisch, dass man über Michael Fernbach zwar lacht, aber auch gerührt ist. Als er die Füchslein seiner Frau kennenlernt, gewinnt er sie rasch lieb. „Ich werde ihre Ausbildung bezahlen“, sagt Fernbach und scheint selbst zu stutzen, aber nur kurz. Helen Körte (Regie) und Wilfried Fiebig (Bühne / Objekte) kommen wunderbar ins Erzählen, lassen sich tragen von der Freude am Sonderbaren, Vorurteilsfreien. Fiebigs bezirzende Objektwelt hängt in erster Linie von der Decke, auf einerLeinwand quaken Enten, jagt Füchschen Häschen (oder umgekehrt?) und knurrt (?!) der große böse Fuchsrivale (Zeichentrick: Leonore Poth). Es wird getanzt und geturnt. Man sieht sich nicht satt, aber alles entwickelt sich aus dem Erzählen einer fantastischen, stark geerdeten Geschichte, die nicht gut ausgehen kann.
   
DER TRAUM DER ROTEN KAMMER
ODER DIE GESCHICHTE DES NICHTS
   
Dr. Wilfried Fiebig
Inszenierung, Dramaturgie, Objekte, Bühne

Helen Körte
Proben, Choreographie

Schauspiel, Gesang, Tanz
Mirjam Baur
Janine Karthaus
Eric Lenke
Kathrin Schyns
Gesang:
魏雪 (Xue Wei)
Gabriele Zimmermann
Violine:
Katrin Becht
Piano:
한 혜 진 (Hye-Jin Han)

Musikalische Einspielungen:
HUI Taak-Cheung (Komposition)
Bastian Fiebig (Komposition)
Projektionen (Malerei):
Christine Fiebig
Yue Jiang

Licht:
Tarkan Gürsoy
Wilfried Fiebig

Dramaturgie Assistenz:
蒲江虹 (Jianghong Pu-Kleene)

PREMIERE:
Donnerstag, 23. März 2017

DER TRAUM DER ROTEN KAMMER
ODER DIE GESCHICHTE DES NICHTS




Bild: Christine Fiebig







Fotografie:
Sabine Lippert




Alle Aufführungen:
Donnerstag, 23.März 2017, 20 Uhr
Freitag, 24. März 2017, 20 Uhr
Samstag, 25. März 2017 ,20 Uhr
Sonntag, 26 März 2017, 18 Uhr

Donnerstag, 18. Mai 2017, 20 Uhr
Freitag, 19. Mai 2017, 20 Uhr
Samstag, 20. Mai 2017, 20 Uhr
Sonntag, 21. Mai 2017, 18 Uhr

Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de



IM CHAOS DER TRÄUME
FLIEGENDE WÄNDE
INMITTEN EINER ZERRISSENEN OPER

Ein neues Gesamtkunstwerk des E9N feiert Premiere.



„Der Traum der roten Kammer“ ist eine gesamtkünstlerische, freie Dramatisierung des gleichnamigen chinesischen Romans aus dem 18.Jh. Er handelt von einem Liebesdrama, das sich nach dem Willen der göttlichen Vorsehung auf Erden abspielen soll.
Die Vorgeschichte dieses Liebesdramas spielt vor der Zeit, während danach, eingetaucht in die rasende Zeit, sich die Liebe in all ihrem Wechsel wild entfaltet und am Ende zurückkehrt zu der Zeitlosigkeit des Anfangs.
Im Chaos der Träume, fliegende Wände inmitten einer zerrissenen Oper, es ist ein Taumel von Bildern, Licht und Farbe, soweit das Auge reicht, Körper, ganz umschlungen von fleischlichen Abenteuern, kreuzen sich mit skulpturalen Materialien, die sich als schillernde Reflexionen emporrangeln, rätselhaft von Musik begleitet, stachelt all dies die Dynamik und Poesie an, surreal und auch humorvoll, in allen Wirrungen des „Traums der roten Kammer“. Vielseitige Schauspieler/innen, unterstützt von einer mitspielenden Violine, die Figuren der Traumerzählung skizziert, führen zugleich ins Reich der Erotik, voller Anmut und Schicksal.
Eröffnet wird dies , in einer Art Gesangsouvertüre , von einer Chinesischen Sängerin, begleitet von einer Koreanerin am Piano. Im Verlauf des Abends bezaubert ebenfalls Gabriele Zimmermann als Mezzosopran.
Mit der Dramatisierung des chinesischen Romans erweitert das „Ensemble 9. November“ nun den Horizont seines Repertoires nicht nur im Sinne der Weltliteratur. In der Inszenierung werden sich chinesische und europäische Kunstelemente abwechseln, gegenübertreten und durchdringen, ihre Ästhetiken geltend machen.

Gesamtinszenierung, Objekte, Bühne, Dramatisierung :
Dr. Wilfried Fiebig

Probe und Choreographie:
Helen Körte

Schauspiel, Gesang, Tanz:
Mirjam Baur,
Janine Karthaus,
Eric Lenke,
Kathrin Schyns

Gesang:
Xue Wie,
Gabriele Zimmermann

Violine:
Katrin Becht

Piano:
Hye-Jin Han

Musikalische Einspielungen:
HUI Taak-Cheung
Bastian Fiebig (Komposion)
Projektionen, Malerei:
Christine Fiebig,
Yue Jiang

Dramaturgische Assistenz:
Jianghong Pu-Kleene

Licht:
Tarkan Gürsoy,
Wilfried Fiebig

Fotos:
Sabine Lippert
Grafik:
Joerg Langhorst


PRESSESPIEGEL

Frankfurter Rundschau vom 25.3.2017:

Untergang einer Großfamilie
Das Ensemble 9. November dramatisiert ein chinesisches Epos

Von Andrea Pollmeier

das Ensemble 9. November (E9N) hat keine Scheu vor umfassenden literarischen Werken. Nachdem zuletzt ein rumänischer Roman für die Bühne bearbeitet wurde, hat sich das Duo Helen Körte und Wilfried Fiebig jetzt einem der wichtigsten Werke der chinesischen Literatur zugewandt.
Der im 18. Jahrhundert entstandene Roman „Der Traum der roten Kammer“ ist erst vor zehn Jahren vollständig ins Deutsche übersetzt worden und erzählt die Geschichte vom Verfall und Untergang einer chinesischen Großfamilie. Das ausladende Gesamtwerk umfasst 120 Kapitel, etwa 350 Personen treten auf, im Europäischen Universitätsverlag ist es in drei Bänden erschienen. Wilfried Fiebig hat eine überzeugende, lyrisch verdichtete Bühnenversion erarbeitet und darin zentrale philosophische Grundzüge des komplexen Werkes in den Vordergrund gestellt. „Der Traum der roten Kammer oder die Geschichte vom Nichts“, so der vollständige Titel der E9N-Inszenierung, die jetzt im GallusTheater in Frankfurt Uraufführung hatte, erzählt die im Roman angelegte Dreiecks-liebesgeschichte zwischen dem androgynen Pao Yü und seinen beiden Cousinen, der draufgängerischen Pao Ttschai und der in sich gekehrten Lin Tai Yü. Die Kraft der Inszenierung liegt jedoch nicht in dem am Roman orientierten Handlungsablauf. Es ist Vielmehr die autonome Art, in der sich das E9N der chinesischen Erzählweise annähert, ohne diese zu imitieren. So wirkt der Premierenabend nicht wie ein missglückter Versuch, auf chinesische Art daherzukommen. Ein solcher Weg hätte trotz der engen Zusammenarbeit mit chinesischen Künstlern (u.a. Dramaturgie-Assistenz: Jianghong Pu-Kleene) scheitern müssen. Andererseits ist aber auch spürbar, dass Kultursprachen unterschiedlicher Welten hier zusammengeführt worden sind.
Zu Beginn singt ein buddhistischer Mönch — ohne übersetzte Texteinblendung — in chinesischer Sprache. Es folgt der Gesang von Xue Wei, die von Hye-Jin Han am Piano begleitet wird. In kargen, stilisierten Sprechakten, bei denen Gesang, Tanz und Schauspiel (Mirjam Baur, Janine Karthaus, Eric Lenke und Kathrin Schyns) eng ineinander greifen, wird im Folgenden von der Geburt des Jungen Pao Yü erzählt. Er ist mit einem Jadestein im Mund geboren. Geister haben sein Leben gerettet und ihn zu einem Auserwählten gemacht. Fortan greifen sie schicksalhaft in sein Leben ein.
Entstanden ist ein komplexes Werk, das auf den Ebenen von Text, Musik (Violine: Katrin Becht), Malerei (u.a. mit Werken des Malers Yue Jiang) und Tanz (Choreografie: Helene Körte) Synergien erzeugt, die keiner Leitkultur Raum gibt.

FAZ vom 25.3.2017:

„Der Traum der roten Kammer“

Der wohlbeleibte Chinese in traditioneller Kleidung ist kein Geringerer als der Künstler Yue Jiang, ein im Reich der Mitte prominenter Meister der klassischen Tuschmalerei, dessen Arbeiten vor knapp fünf Jahren im Gallus-Theater ausgestellt worden waren. Im Gegenzug zu einer Schau, die der Künstlerphilosoph Wilfried Fiebig in Frankfurts Partnerstadt Guangzhou damals zeigte. Jetzt hat Fiebig den chinesischen Roman „Der Traum der roten Kammer“ von Cao Xueqin aus dem 18. Jahrhundert in eine Dramenversion gebracht, ein Bühnenbild dafür geschaffen und etliche Objekte gebaut, mit denen die Schauspieler des „Ensembles 9. November“ wie üblich eine konstruktive Symbiose eingehen. Regie führte Helen Körte. Sie gab Yue Jiang einen Auftritt zu Beginn des Stücks. Vermutlich zitiert er mit großer Geste einen Auszug aus dem epischen Mammutwerk, eine personenreichen Geschichte einer Familie im Verfall.
Auf der Bühne im Gallus wurde aus dem Roman eine west-östliche Szenenfolge rund um das Geheimnis des roten Zimmers und des leuchtenden Jade-steins, mit dem ein Knabe im Mund geboren wurde. Aus Mythologie und Eros entstehen poetische und manchmal urkomische Bilder, Traumsequenzen und neckische Momente. Das alles beherrschende Thema ist die Liebe, die hier als Schicksalsmacht in dem wörtlichen Sinn zu verstehen ist, dass höhere Kräfte sie auf der Erde inszenieren, was dem Begehren und Schmachten, dem Schwärmen und dem Kummer keinen Abbruch tut.
Keiner ist vor den Wirren der Gefühle sicher, aber auch nicht davor, sich lächerlich zu machen — ein Aspekt, den die Inszenierung weidlich ausschöpft. Doch sie nimmt immer Bezug auf das kultivierte Spiel, als das die Liebe zumindest in den höheren Kreisen des Kaiserreichs China stets gesehen wurde. Dazu passen die künstlerischen Gebilde, die Objekte und Installationen, die Kostüme und Körpererweiterungen, die in den theatralen Arbeiten von Körte und Fiebig immer eine wichtige Rolle spielen. Zwar ist die Ausstattung üppig und von einem phantastischen Formenreichtum, aber die Dinge wirken wohlgeordnet, manchmal geradezu geometrisch, sind Teile eines Traums von Ebenmaß und Schönheit, Ausgeglichenheit und Weltenharmonie. Ein bisschen Taoismus ist dieses Mal dabei, auch wenn die ästhetische Moderne des Abendlands mit ihren Zersplitterungen und Zerfaserungen nicht völlig ausgeblendet wird. Aber die ostasiatische Anmutung bestimmt über weite Strecken das Geschehen, auch das musikalische. Denn so viel Westen muss sein: Ohne den Anspruch auf ein Gesamkunstwerk aus Literatur, Musik, bildender Kunst geht hier nichts.
(zen)
   

PREMIERE
Donnerstag, 3. November
2016

„WARUM DAS KIND
IN DER POLENTA KOCHT“
oder
„spricht Gott fremde Sprachen?“

 







Fotografie:
Sabine Lippert


ALLE
AUFFÜHRUNGEN:


PREMIERE:

Donnerstag, 3. November, 20 Uhr

Freitag, 4. November 20 Uhr
Samstag, 5. November 20 Uhr
Sonntag, 6. November 18 Uhr

Donnerstag, 17. November 20 Uhr
Freitag, 18. November 20 Uhr
Samstag, 19. November 20 Uhr



Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de


 



Nach dem Roman der rumänischen Autorin Aglaja Veteranyi (1999)

In ihrem Roman schildert die Autorin, selbst Tochter eines Clowns und einer Artistin aus der Sicht des Kindes, die Geschichte der Familie, die aus dem diktatorischen Rumänien nach Afrika und Südamerika flieht, um dort in der Manege aufzutreten. Mit 15 Jahren reist die Protagonistin mit ihrer Familie in die Schweiz. Sie kann weder lesen noch schreiben, wird dennoch Schriftstellerin. Durch die sprachliche Buntheit ihrer Kindheitserfahrung entsteht in der Autorin ein hochexplosives Gemisch aus Sprachakrobatik und Sprachlosigkeit, Naivität und Wissen. Hier wird weniger Psychologie, als vielmehr ein Weltbild komponiert. In der akustisch, visuellen Sprache der Autorin „kreischen Hühner international; und im Himmel werden Spezialabteilungen geschaffen für Artisten die fliegen können“, während der Vater mit abstrusen Filmen zur Heiterkeit beiträgt. Die Autorin erzählt, ohne Sentimentalität, Geschichten aus Ihrer Erfahrungs- und Exilwelt wo Fremdheit und Unbehaustheit allgegenwärtig sind.

„Denn bei aller Unbehaustheit, sind die Heimatlosen die frühesten
Internationalen der Geschichte.“

Mit der Uraufführung des Stückes gastierte das Ensemble 9 November vor zwölf Jahren auf Einladung des Internationalen Theaterfestivals in Sibiu (Hermannstadt). 2016 fand eine Neubearbeitung des Stückes statt. In der Inszenierung verschmelzen Theater, Film, Live Musik, gespielt von drei „famosen Darstellerinnen“ (FAZ), vier vielseitigen Musikern (auf 14 Instrumenten), und neu dazu, einem begnadeten Tänzer. Fünf Kinder aus fünf verschiedenen Nationen zwischen 11 und 13, Jahren zaubern, sowohl in ihrer eigenen – als auch in der deutscher Sprache, fein choreographierte wunderbare kleine Szenen herbei – zusammen mit den Schauspielern und Musikern des E9N. Kinder werden nicht gekocht (Nur im Märchen). Balkan Lieder, komponierte und improvisierte Musik, Akrobatik und Spiel auf einer multifunktionalen, farbige Bühne erklären uns die Welt des Kindes und warum es in der Polenta kocht, oder auch nicht.

„gezeugt wurde ich in Krakau
geboren in Bukarest. Die Hände meiner
Hebamme kamen aus Deutschland. Mein
Blinddarm blieb in der Tschechoslowakei
Meine Mandeln landeteten in Madrid.“
(Aglaja Veteranyi)

Der Roman erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.A. „Die Ehrengabe des Kantons Zürich“ den „Adalbert Chamisso Förderpreis“, sowie die Nominierung für den „Ingeborg Bachmann- Preis“.

REGIE, DRAMATURGIE:
Helen Körte,

BÜHNE, OBJEKTE:
Wilfried Fiebig
Mathias Kraus (Bemalung Fächer)


DARSTELLER/INNEN:
(Spiel, Gesang und Tanz)
Raiija Siikavirta,
Hanna Linde,
Katrin Schyns (Gesang)
Damaso Mendez (Tänzer)


MUSIKER
(auf insgesamt vierzehn Instrumenten):
Martin Le Jeune:
e-Gitarre, Euphonium, Kontrabass, Mandoline.
Jens Hunstein:
Bass Klarinette, Bariton Querflöte, Picollo, Saxophon
Clara Holzapfel:
Geige, Akkordeon
Timo Neumann:
Schlagzeug, Percussion, Xylophon

KOMPOSITION:
Martin Le Jeune

DIE KINDER:
Hristo Dimitrov
Osato Goormans
Erjon Muco
Alara Ahmed
Kertina Gagar


KOSTÜME:
Margarete Berghoff
Maria Dimitrova (Kostüme Kinder)


ASSISTENZ:
Janine Karthaus

LICHT:
Tarkan Gürsoy, Wilfried Fiebig

PROJEKTIONEN /FILM:
Sebastian Schnabel
Thomas Brenneis


Fotos:
Sabine Lippert

GRAFIK:
Jörg Langhorst

KOOPERATIONSPARTNER UND SPONSOREN:
Fazit - STIFTUNG
PETER USTINOV STIFTUNG
Kooperation HfG-Offenbach
MEHRGENERATIONEN HAUS

Mit Unterstützung des
KULTURAMTS FRANKFURT am Main

www.gallustheater.de


PRESSESPIEGEL

Frankfurter Rundschau vom 5.11.2016:

Die Poesie des Lebens in ständiger Gefahr

Von ANDREA POLLMEIER

Das Frankfurter Ensemble 9. November zeigt im Gallustheater „Warum das Kind in der Polenta kocht“. Mit fein ausbalancierter, akrobatisch-poetischer Phantasie.

Es gibt eine Art Humor, die es ermöglicht, menschlicher Not nah zu rücken, ohne voyeuristisch zu wirken. Wer so erzählt, kann wie beispielsweise Charlie Chaplin noch in Kreisen, wo schon Abstumpfung vorherrscht, Empathie wecken. Auf diese Weise hat jetzt das Ensemble 9. November (E9N) im Gallustheater das Stück „Warum das Kind in der Polenta kocht“ inszeniert.

Das Stück ist an den gleichnamigen Roman der rumänischen Autorin Aglaja Veteranyi angelehnt und schildert in einem surrealen Ton ihre Familiengeschichte, in der ihr Vater, der renommierte Zirkusartist Tandarica, zusammen mit Frau und Kindern vor der Ceausescu-Diktatur ins Ausland flieht.

In diese Zirkuswelt taucht die Inszenierung des E9N kunstvoll ein und zeigt in skurrilen Bildern aus der Perspektive des Kindes, wie es sich anfühlt, unter beständiger Gefahr zu leben. Damit das Kind seine Angst beherrschen kann, erzählt ihm die Schwester allerlei Geschichten. Zum Beispiel die von dem Kind, das sich im Polenta-Topf versteckt und plötzlich mit gekocht wird.

Die Vorstellung von dessen Schmerzen verdrängt vorübergehend die Angst um die Mutter. Diese sitzt zu Beginn der Inszenierung hoch oben auf einer Schaukel, ihr langer Haarzopf ist nach oben hin angebunden. Was zunächst nur unnatürlich wirkt, erhält durch die Erzählung seinen sadistischen Sinn: Die Szene erinnert an die Zeit, als die Mutter im Zirkuszelt hoch oben auf dem hohen Seil stand, und ihr Leben auf grausam schmerzhafte Art an ihren Haaren abgesichert wurde.

Manchmal auch brüsk

Solch versteckte oder manchmal auch brüsk gezeigte Härte findet sich in Hülle und Fülle in diesem Stück. Sie ist dem realen Leben abgeschaut, wird jedoch durch humorvolle Szenen und eine akrobatisch-poetische Phantasie in der Inszenierung unter der Regie von Helen Körte fein ausbalanciert. Vor zwölf Jahren hatte das Stück mit dem skurrilen Titel bereits Uraufführung. Man spürt in der bearbeiteten Fassung heute deutlich, dass hier nicht kurzfristig auf Zeitgeist reagiert wird, sondern eine existenzielle Verbundenheit das Thema Flucht und Vertreibung fundiert.

Helen Körte nutzt in ihrer Inszenierung die für das E9N charakteristische und ungemein vielschichtige Verbindung aus Pantomime, Tanz, Gesang, Varieté, Schauspiel (mit Raija Siikavirta, Hanna Linde, Katrin Schyns und Damaso Mendez), Bildender Kunst (Wilfried Fiebig und Mathias Kraus) und live von vier Künstlern auf zwölf Instrumenten eingespielter Musik (Komposition: Martin Le Jeune). Sie entfaltet so einen poetischen Ton, der einzigartig ist.

In dieses bunte Spiel werden Sätze aus dem Roman von Aglaja Veteranyi bisweilen wie Blitzschläge eingefügt. Sie erden die schwebende Leichtigkeit der Bühnenbilder und übermitteln so den realen Verlauf der Fluchtgeschichte. Die Erzählung entfaltet sich so an oft minutenschnell wechselnden Szenen entlang und es ist unberechenbar, was der nächste Augenblick bereithält.

Frankfurter Neue Presse vom 08.11.2016:

Traumata unter der Zirkuskuppel

Von MARCUS HLADEK

Helen Körtes „Ensemble 9. November“ setzte in Frankfurts Gallus-Theater ihre Regiearbeit „Warum das Kind in der Polenta kocht“ nochmals neu in Szene. Musik, Akrobatik und Spiel vermischen sich in dem Stück „Warum das Kind in der Polenta kocht“.

Dies Stück Musiktheater, mit dem das „E9N“ 2004 in Sibiu (Rumänien) gastierte, folgt Aglaja Veteranyis Roman gleichen Titels. Der Vorname der Schweizer Autorin ist der der jüngsten Grazie. Furchtbar jung war auch sie selbst, als sie in der Diktatur Ceausescus dann mit ihrer aus Rumänien geflohenen Zirkusfamilie üble Erfahrungen machte – wie Nacktauftritte im Varieté mit 13 Jahren. Ihr Clowns-Vater missbrauchte ihre Schwester. Roman und Stück spiegeln das.

Zwar muss Veteranyi Glücksmomente voller Poesie und Magie erlebt haben, davon zehren Bühnenfassung und Regie ja. Doch jede Antwort auf die Titelfrage wird zum Abwehrzauber, den das Mädchen, ungewollt frühreif und naiv, beschwört. In seiner zauberischen Welt, wo Gott in der Erde lauert wie ein Vampir und der Himmel absurd ausgemalt wird, führten Glück und Horror zu Traumata. 2002, noch keine 40, ging die erfolgreiche Schriftstellerin in den Zürichsee.

Katrin Schyns als Mutter sitzt noch länger als Raija Siikavirta und Hanna Linde, die Schwestern, auf ihrer Trapezschaukel. Entsprechend der Zirkusnummer der am Haar schwebenden Frau sind die ihren lang und so prächtig wie ihr grün-goldenes Schnürkostüm (Margarete Berghoff). Zur Seite steht den drei auf hohem Niveau quirlig-einfallsreichen Darstellerinnen Damaso Mendez als tanzender Vater-Clown. Außerdem vier Musiker und fünf Kinder im Aglaja-Alter, die alles noch glaubhafter und heiterer machen. Martin Le Jeune (Komposition) und seine Musiker (Jens Hunstein, Clara Holzapfel, Timo Neumann) mischen Balkanklänge mit Jazz und allem, was anliegt: ein kongeniales Klangkostüm hoher Qualität, von Kontrabass und Geige über Banjo und Akkordeon bis hin zu Saxofon und Bassklarinette. Dazu Stummfilme.

Wilfried Fiebig (Bühne, Kostüme) ergänzt seine Mittel aus Metall und Kunststoff um weichen und glänzenden Stoff, multifunktionale Treppenelemente, Fahnen oder Engelsflügel und erzeugt romangemäße Bildpoesie. Schön und gelungen.

PREMIERE
Mittwoch 27. April
2016

"Mein Freund Gulliver"
Dargestellt von den
Insassen des E9N

 


ALLE
AUFFÜHRUNGEN:


April 2016

PREMIERE: Mittwoch, 27. April 2016, 20 Uhr
Donnerstag, 28. April 2016, 20 Uhr
Freitag, 29. April 2016, 20 Uhr

Mai 2016

Dienstag, 3. Mai 2016, 20 Uhr
Mittwoch, 4. Mai 2016, 20 Uhr
Donnerstag, 5. Mai 2016, 20 Uhr
Freitag, 6. Mai 2016, 20 Uhr
Samstag , 7. Mai 2016, 20 Uhr





Fotografie:
Sabine Lippert


Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de


 


Wenn Insassen ausbrechen
Wo brechen sie hin ?

In die Kunst !

Und wo landen sie ?

In der Realität

Was machen sie dort ?
Das E9N !

Aus der Ferne wird alles klein

In der Nähe wird
Erschreckend groß

Sind Übertreibungen
In Klein und Groß
Für Kinder genug ?

Einbrecher stehlen
nur Bekanntes

Ausbrecher
Stehlen nur
Unbekanntes

Die Ausbrecher
Des E9N
Wissen noch nicht
Was ihnen
Gestohlen wird

Pferde können nicht
Lügen
Sie wissen nicht
Was nicht ist

 


Regie, Konzeption,
Dramaturgie

Dr. Wilfried Fiebig

Interventionen
Helen Körte

Schauspiel:
Venera Dik
Eric Lenke
Janine Karthaus
Kathrin Schyns

Unterstützt von:
Kulturamt
der Stadt Frankfurt am Main
HfG Offenbach

www.gallustheater.de







Der Handel hat
Den Sturm ersetzt
Wer sind da die Piraten ?

Intriganten sagen,
daß grüne Scheiße
den Königsmörder verrät

Unsterblichkeit
Trägt einen schwarzen Fleck
Über dem linken Auge

Was erleben Reisende ?
Nichts Neues !

Reisende gestern
Kommen heute
Zurück
Als Flüchtlinge

Laut gestellt
Wird Lärm

Gullivers Undinge
Reisen bringen sie
Nach Hause

Das Meer ist nur voller
Wasser

Und die Stürme ?



PRESSESPIEGEL

Frankfurter Rundschau vom 28.4.2016:

Gullivers Interventionen

Nur ein Jugendbuch? Das Ensemble 9. November macht aus Swifts Roman im Gallustheater in Frankfurt ein Gesamtkunstwerk und nennt es „Mein Freund Gulliver“.

Ein Wunder eigentlich, dass sich das Frankfurter Ensemble 9. November erst jetzt des Schriftstellers Jonathan Swift und seines bahnbrechenden Hauptwerks „Gullivers Reisen“ angenommen hat: Eines ungeachtet seiner eminenten Verwicklung in die Politik der Zeit unbeugsamen anglo-irischen Geistes und eines zwischen Satire, Reise- und utopischem Roman angesiedelten Buchs. In einem allzeit gültigen Skeptizismus ist es immens viel mehr als bloß die beliebte Jugendlektüre, als die es in beschnittener Fassung hierzulande populär wurde. „Mein Freund Gulliver“ hatte jetzt im Gallustheater Premiere. Im 28. Jahr bringt das Ensemble Arbeiten von einer eigensinnig speziellen und schon lange wohlbekannten Art auf die Bühne, die sich dann doch ein um das andere Mal wieder um einen bestimmten Kick unterscheiden. Kennzeichnend ist ein gesamtkunstwerklerischer Ansatz, an dem die eigenwillig bizarren skulpturalen Kunstobjekte von Wilfried Fiebig prägenden Anteil haben. Aus heutiger Sicht kann dieses literarisch-philosophisch orientierte und von einem aufklärerisch-humanistischen Impetus im Nachbeben der 68er-Bewegung getriebene Traditionsunternehmen der Freien Theaterszene in Frankfurt es für sich beanspruchen, der Welle von Romanadaptionen auf dem Theater deutscher Sprache voraus gewesen zu sein. Das Metronom tackert Die gleichsam hauseigene Opulenz ist diesmal von einer eher kargen Art. „Gespielt von den Insassen des Ensemble 9. November“ – dergestalt spielt der Untertitel (ansonsten folgenlos) auf Peter Weiss’ „Marat/Sade“ an. Vor allem bleiben in diesem musikalischen Theater – wohl ein Novum – diesmal die Musiker aus. Die Inszenierung von Fiebig, mit sogenannten „Interventionen“ seiner Gründungspartnerin Helen Körte, beginnt unter dem Tackern eines Metronoms in seinem gnadenlosen, das Vergehen von Zeit und damit Endlichkeit signalisierenden Gleichtakt. Mehrfach werden planvoll krude Überlagerungen mannigfacher Musiken zwischen Oper, Jazz, Vokalmusik der Renaissance und so fort eingeblendet. Mit Filmbildern aus früheren Inszenierungen erweist sich das Ensemble selbst Reverenz; als markant kantiger Vorleser tritt Fiebig einige Male persönlich in Erscheinung. Das Spielerquartett um Venera Dik, Janine Karthaus, Kathrin Schyns und Eric Lenke ist in der nach Art des Hauses episodisch strukturierten Folge von Szenen in einer bescheidenen Art tänzerisch gefordert. Fiebig und Körte machen einfach immer weiter mit ihren kunstvoll ausgeleuchteten und eine Eigenständigkeit gegenüber dem Text behauptenden Bildern. Ohne tiefgehende Überraschung in der Machart, immer noch aber mit einer gewissen Kraft der Findung.
Von STEFAN MICHALZIK


FAZ vom 29.4.2016:

Mechanik der Aufklärung: "Mein Freund Gulliver"

Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ gilt hierzulande als phantastische Kindergeschichte, ist aber tatsächlich ein satirischer Roman, der die wirklichen und vermeintlichen Errungenschaften seiner Zeit aufs Korn nimmt. Und auch die Reisefreudigkeit des englischen Individuums sowie den Expansionsdrang des britischen Empires. Zentrales Thema freilich ist die aufgeklärte'Epoche und die Kritik daran, gut 30 Jahre vor Voltaires „Candide“, der in die gleiche Kerbe schlug. Das Unbehagen an der Au?därung ist seither nicht mehr geschwunden und artikulierte sich zumal im 20. Jahrhundert bei Meisterdenkern, die seinerzeit als Widersacher galten, sich aber in ihrer Kritik der instrumentellen Vernunft sehr nahestanden, Adorno und Heidegger. Die Apparate, die Mechanismen, die Vorrichtungen, mit denen sich die Menschen abplagen müssen, seit Technik und Wissenschaften sich der Lebenswelt bemächtigt haben, werden in dem Stück „Mein Freund Gulliver“, dargestellt, wie es heißt, von „den Insassen des Ensemble 9. November“, auf der Bühne des Frankfurter Gallus-Theaters zur künstlerischen Realität. Inszenator Wilfried Fiebig hat wieder einmal einen Fundus an Objekten geschaffen, mit denen die Darsteller umgehen, in die sie sich einfügen, denen sie unterworfen sind. Seine gestalterische Phantasie scheint keine Grenzen zu kennen. Die Dinge, die sich den Körpern aufdrängen und sie zu dominieren versuchen, passen tref?ich zu dem Stoff, aus dem die Aufklärungskritik ist. Schon die erste Szene lässt die Ambivalenz einer rein rationalen Weltaneignung deutlich werden: Eric Lenke, der mit ungemeiner Spielfreude zu Werke geht, bedient sich eines Konstrukts aus vielerlei Stäben, das ihn gleichermaßen stützt wie behindert: Segen und Fluch der Moderne. Wer eine Personenentwicklung oder überhaupt einen dramatischen Ansatz erwartet, dürfte enttäuscht werden, aber es ist Fiebig gelungen, eine Montage einzelner Szenen herzustellen, von denen jede Uberraschungsmomente, absurde Pointen und groteske Situationen bereithält. Immer neue Objekte lassen das Bühnengeschehen zu einer Abfolge von Bildern werden und formen vermischte Gedanken, nicht nur solche von Swift, zur Kunst.
(zer.)