englishE9N - ENSEMBLE 9. NOVEMBER

PREMIERE
Donnerstag, 3. November
2016

„WARUM DAS KIND
IN DER POLENTA KOCHT“
oder
„spricht Gott fremde Sprachen?“

 







Fotografie:
Sabine Lippert


ALLE
AUFFÜHRUNGEN:


PREMIERE:

Donnerstag, 3. November, 20 Uhr

Freitag, 4. November 20 Uhr
Samstag, 5. November 20 Uhr
Sonntag, 6. November 18 Uhr

Donnerstag, 17. November 20 Uhr
Freitag, 18. November 20 Uhr
Samstag, 19. November 20 Uhr



Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de


 

Nach dem Roman der rumänischen Autorin Aglaja Veteranyi (1999)

In ihrem Roman schildert die Autorin, selbst Tochter eines Clowns und einer Artistin aus der Sicht des Kindes, die Geschichte der Familie, die aus dem diktatorischen Rumänien nach Afrika und Südamerika flieht, um dort in der Manege aufzutreten. Mit 15 Jahren reist die Protagonistin mit ihrer Familie in die Schweiz. Sie kann weder lesen noch schreiben, wird dennoch Schriftstellerin. Durch die sprachliche Buntheit ihrer Kindheitserfahrung entsteht in der Autorin ein hochexplosives Gemisch aus Sprachakrobatik und Sprachlosigkeit, Naivität und Wissen. Hier wird weniger Psychologie, als vielmehr ein Weltbild komponiert. In der akustisch, visuellen Sprache der Autorin „kreischen Hühner international; und im Himmel werden Spezialabteilungen geschaffen für Artisten die fliegen können“, während der Vater mit abstrusen Filmen zur Heiterkeit beiträgt. Die Autorin erzählt, ohne Sentimentalität, Geschichten aus Ihrer Erfahrungs- und Exilwelt wo Fremdheit und Unbehaustheit allgegenwärtig sind.

„Denn bei aller Unbehaustheit, sind die Heimatlosen die frühesten
Internationalen der Geschichte.“

Mit der Uraufführung des Stückes gastierte das Ensemble 9 November vor zwölf Jahren auf Einladung des Internationalen Theaterfestivals in Sibiu (Hermannstadt). 2016 fand eine Neubearbeitung des Stückes statt. In der Inszenierung verschmelzen Theater, Film, Live Musik, gespielt von drei „famosen Darstellerinnen“ (FAZ), vier vielseitigen Musikern (auf 14 Instrumenten), und neu dazu, einem begnadeten Tänzer. Fünf Kinder aus fünf verschiedenen Nationen zwischen 11 und 13, Jahren zaubern, sowohl in ihrer eigenen – als auch in der deutscher Sprache, fein choreographierte wunderbare kleine Szenen herbei – zusammen mit den Schauspielern und Musikern des E9N. Kinder werden nicht gekocht (Nur im Märchen). Balkan Lieder, komponierte und improvisierte Musik, Akrobatik und Spiel auf einer multifunktionalen, farbige Bühne erklären uns die Welt des Kindes und warum es in der Polenta kocht, oder auch nicht.

„gezeugt wurde ich in Krakau
geboren in Bukarest. Die Hände meiner
Hebamme kamen aus Deutschland. Mein
Blinddarm blieb in der Tschechoslowakei
Meine Mandeln landeteten in Madrid.“
(Aglaja Veteranyi)

Der Roman erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.A. „Die Ehrengabe des Kantons Zürich“ den „Adalbert Chamisso Förderpreis“, sowie die Nominierung für den „Ingeborg Bachmann- Preis“.

REGIE, DRAMATURGIE:
Helen Körte,

BÜHNE, OBJEKTE:
Wilfried Fiebig
Mathias Kraus (Bemalung Fächer)


DARSTELLER/INNEN:
(Spiel, Gesang und Tanz)
Raiija Siikavirta,
Hanna Linde,
Katrin Schyns (Gesang)
Damaso Mendez (Tänzer)


MUSIKER
(auf insgesamt vierzehn Instrumenten):
Martin Le Jeune:
e-Gitarre, Euphonium, Kontrabass, Mandoline.
Jens Hunstein:
Bass Klarinette, Bariton Querflöte, Picollo, Saxophon
Clara Holzapfel:
Geige, Akkordeon
Timo Neumann:
Schlagzeug, Percussion, Xylophon

KOMPOSITION:
Martin Le Jeune

DIE KINDER:
Hristo Dimitrov
Osato Goormans
Erjon Muco
Alara Ahmed
Kertina Gagar


KOSTÜME:
Margarete Berghoff
Maria Dimitrova (Kostüme Kinder)


ASSISTENZ:
Janine Karthaus

LICHT:
Tarkan Gürsoy, Wilfried Fiebig

PROJEKTIONEN /FILM:
Sebastian Schnabel
Thomas Brenneis


Fotos:
Sabine Lippert

GRAFIK:
Jörg Langhorst

KOOPERATIONSPARTNER UND SPONSOREN:
Fazit - STIFTUNG
PETER USTINOV STIFTUNG
Kooperation HfG-Offenbach
MEHRGENERATIONEN HAUS

Mit Unterstützung des
KULTURAMTS FRANKFURT am Main

www.gallustheater.de


PRESSESPIEGEL

Frankfurter Rundschau vom 5.11.2016:

Die Poesie des Lebens in ständiger Gefahr

Von ANDREA POLLMEIER

Das Frankfurter Ensemble 9. November zeigt im Gallustheater „Warum das Kind in der Polenta kocht“. Mit fein ausbalancierter, akrobatisch-poetischer Phantasie.

Es gibt eine Art Humor, die es ermöglicht, menschlicher Not nah zu rücken, ohne voyeuristisch zu wirken. Wer so erzählt, kann wie beispielsweise Charlie Chaplin noch in Kreisen, wo schon Abstumpfung vorherrscht, Empathie wecken. Auf diese Weise hat jetzt das Ensemble 9. November (E9N) im Gallustheater das Stück „Warum das Kind in der Polenta kocht“ inszeniert.

Das Stück ist an den gleichnamigen Roman der rumänischen Autorin Aglaja Veteranyi angelehnt und schildert in einem surrealen Ton ihre Familiengeschichte, in der ihr Vater, der renommierte Zirkusartist Tandarica, zusammen mit Frau und Kindern vor der Ceausescu-Diktatur ins Ausland flieht.

In diese Zirkuswelt taucht die Inszenierung des E9N kunstvoll ein und zeigt in skurrilen Bildern aus der Perspektive des Kindes, wie es sich anfühlt, unter beständiger Gefahr zu leben. Damit das Kind seine Angst beherrschen kann, erzählt ihm die Schwester allerlei Geschichten. Zum Beispiel die von dem Kind, das sich im Polenta-Topf versteckt und plötzlich mit gekocht wird.

Die Vorstellung von dessen Schmerzen verdrängt vorübergehend die Angst um die Mutter. Diese sitzt zu Beginn der Inszenierung hoch oben auf einer Schaukel, ihr langer Haarzopf ist nach oben hin angebunden. Was zunächst nur unnatürlich wirkt, erhält durch die Erzählung seinen sadistischen Sinn: Die Szene erinnert an die Zeit, als die Mutter im Zirkuszelt hoch oben auf dem hohen Seil stand, und ihr Leben auf grausam schmerzhafte Art an ihren Haaren abgesichert wurde.

Manchmal auch brüsk

Solch versteckte oder manchmal auch brüsk gezeigte Härte findet sich in Hülle und Fülle in diesem Stück. Sie ist dem realen Leben abgeschaut, wird jedoch durch humorvolle Szenen und eine akrobatisch-poetische Phantasie in der Inszenierung unter der Regie von Helen Körte fein ausbalanciert. Vor zwölf Jahren hatte das Stück mit dem skurrilen Titel bereits Uraufführung. Man spürt in der bearbeiteten Fassung heute deutlich, dass hier nicht kurzfristig auf Zeitgeist reagiert wird, sondern eine existenzielle Verbundenheit das Thema Flucht und Vertreibung fundiert.

Helen Körte nutzt in ihrer Inszenierung die für das E9N charakteristische und ungemein vielschichtige Verbindung aus Pantomime, Tanz, Gesang, Varieté, Schauspiel (mit Raija Siikavirta, Hanna Linde, Katrin Schyns und Damaso Mendez), Bildender Kunst (Wilfried Fiebig und Mathias Kraus) und live von vier Künstlern auf zwölf Instrumenten eingespielter Musik (Komposition: Martin Le Jeune). Sie entfaltet so einen poetischen Ton, der einzigartig ist.

In dieses bunte Spiel werden Sätze aus dem Roman von Aglaja Veteranyi bisweilen wie Blitzschläge eingefügt. Sie erden die schwebende Leichtigkeit der Bühnenbilder und übermitteln so den realen Verlauf der Fluchtgeschichte. Die Erzählung entfaltet sich so an oft minutenschnell wechselnden Szenen entlang und es ist unberechenbar, was der nächste Augenblick bereithält.

Frankfurter Neue Presse vom 08.11.2016:

Traumata unter der Zirkuskuppel

Von MARCUS HLADEK

Helen Körtes „Ensemble 9. November“ setzte in Frankfurts Gallus-Theater ihre Regiearbeit „Warum das Kind in der Polenta kocht“ nochmals neu in Szene. Musik, Akrobatik und Spiel vermischen sich in dem Stück „Warum das Kind in der Polenta kocht“.

Dies Stück Musiktheater, mit dem das „E9N“ 2004 in Sibiu (Rumänien) gastierte, folgt Aglaja Veteranyis Roman gleichen Titels. Der Vorname der Schweizer Autorin ist der der jüngsten Grazie. Furchtbar jung war auch sie selbst, als sie in der Diktatur Ceausescus dann mit ihrer aus Rumänien geflohenen Zirkusfamilie üble Erfahrungen machte – wie Nacktauftritte im Varieté mit 13 Jahren. Ihr Clowns-Vater missbrauchte ihre Schwester. Roman und Stück spiegeln das.

Zwar muss Veteranyi Glücksmomente voller Poesie und Magie erlebt haben, davon zehren Bühnenfassung und Regie ja. Doch jede Antwort auf die Titelfrage wird zum Abwehrzauber, den das Mädchen, ungewollt frühreif und naiv, beschwört. In seiner zauberischen Welt, wo Gott in der Erde lauert wie ein Vampir und der Himmel absurd ausgemalt wird, führten Glück und Horror zu Traumata. 2002, noch keine 40, ging die erfolgreiche Schriftstellerin in den Zürichsee.

Katrin Schyns als Mutter sitzt noch länger als Raija Siikavirta und Hanna Linde, die Schwestern, auf ihrer Trapezschaukel. Entsprechend der Zirkusnummer der am Haar schwebenden Frau sind die ihren lang und so prächtig wie ihr grün-goldenes Schnürkostüm (Margarete Berghoff). Zur Seite steht den drei auf hohem Niveau quirlig-einfallsreichen Darstellerinnen Damaso Mendez als tanzender Vater-Clown. Außerdem vier Musiker und fünf Kinder im Aglaja-Alter, die alles noch glaubhafter und heiterer machen. Martin Le Jeune (Komposition) und seine Musiker (Jens Hunstein, Clara Holzapfel, Timo Neumann) mischen Balkanklänge mit Jazz und allem, was anliegt: ein kongeniales Klangkostüm hoher Qualität, von Kontrabass und Geige über Banjo und Akkordeon bis hin zu Saxofon und Bassklarinette. Dazu Stummfilme.

Wilfried Fiebig (Bühne, Kostüme) ergänzt seine Mittel aus Metall und Kunststoff um weichen und glänzenden Stoff, multifunktionale Treppenelemente, Fahnen oder Engelsflügel und erzeugt romangemäße Bildpoesie. Schön und gelungen.

PREMIERE
Mittwoch 27. April
2016

"Mein Freund Gulliver"
Dargestellt von den
Insassen des E9N

 


ALLE
AUFFÜHRUNGEN:


April 2016

PREMIERE: Mittwoch, 27. April 2016, 20 Uhr
Donnerstag, 28. April 2016, 20 Uhr
Freitag, 29. April 2016, 20 Uhr

Mai 2016

Dienstag, 3. Mai 2016, 20 Uhr
Mittwoch, 4. Mai 2016, 20 Uhr
Donnerstag, 5. Mai 2016, 20 Uhr
Freitag, 6. Mai 2016, 20 Uhr
Samstag , 7. Mai 2016, 20 Uhr





Fotografie:
Sabine Lippert


Gallus Theater
Tel. Reservierungen
069 75 80 60 20
Kleyerstraße 15
60326 Frankfurt
http://www.gallustheater.de


 


Wenn Insassen ausbrechen
Wo brechen sie hin ?

In die Kunst !

Und wo landen sie ?

In der Realität

Was machen sie dort ?
Das E9N !

Aus der Ferne wird alles klein

In der Nähe wird
Erschreckend groß

Sind Übertreibungen
In Klein und Groß
Für Kinder genug ?

Einbrecher stehlen
nur Bekanntes

Ausbrecher
Stehlen nur
Unbekanntes

Die Ausbrecher
Des E9N
Wissen noch nicht
Was ihnen
Gestohlen wird

Pferde können nicht
Lügen
Sie wissen nicht
Was nicht ist

 


Regie, Konzeption,
Dramaturgie

Dr. Wilfried Fiebig

Interventionen
Helen Körte

Schauspiel:
Venera Dik
Eric Lenke
Janine Karthaus
Kathrin Schyns

Unterstützt von:
Kulturamt
der Stadt Frankfurt am Main
HfG Offenbach

www.gallustheater.de







Der Handel hat
Den Sturm ersetzt
Wer sind da die Piraten ?

Intriganten sagen,
daß grüne Scheiße
den Königsmörder verrät

Unsterblichkeit
Trägt einen schwarzen Fleck
Über dem linken Auge

Was erleben Reisende ?
Nichts Neues !

Reisende gestern
Kommen heute
Zurück
Als Flüchtlinge

Laut gestellt
Wird Lärm

Gullivers Undinge
Reisen bringen sie
Nach Hause

Das Meer ist nur voller
Wasser

Und die Stürme ?



PRESSESPIEGEL

Frankfurter Rundschau vom 28.4.2016:

Gullivers Interventionen

Nur ein Jugendbuch? Das Ensemble 9. November macht aus Swifts Roman im Gallustheater in Frankfurt ein Gesamtkunstwerk und nennt es „Mein Freund Gulliver“.

Ein Wunder eigentlich, dass sich das Frankfurter Ensemble 9. November erst jetzt des Schriftstellers Jonathan Swift und seines bahnbrechenden Hauptwerks „Gullivers Reisen“ angenommen hat: Eines ungeachtet seiner eminenten Verwicklung in die Politik der Zeit unbeugsamen anglo-irischen Geistes und eines zwischen Satire, Reise- und utopischem Roman angesiedelten Buchs. In einem allzeit gültigen Skeptizismus ist es immens viel mehr als bloß die beliebte Jugendlektüre, als die es in beschnittener Fassung hierzulande populär wurde. „Mein Freund Gulliver“ hatte jetzt im Gallustheater Premiere. Im 28. Jahr bringt das Ensemble Arbeiten von einer eigensinnig speziellen und schon lange wohlbekannten Art auf die Bühne, die sich dann doch ein um das andere Mal wieder um einen bestimmten Kick unterscheiden. Kennzeichnend ist ein gesamtkunstwerklerischer Ansatz, an dem die eigenwillig bizarren skulpturalen Kunstobjekte von Wilfried Fiebig prägenden Anteil haben. Aus heutiger Sicht kann dieses literarisch-philosophisch orientierte und von einem aufklärerisch-humanistischen Impetus im Nachbeben der 68er-Bewegung getriebene Traditionsunternehmen der Freien Theaterszene in Frankfurt es für sich beanspruchen, der Welle von Romanadaptionen auf dem Theater deutscher Sprache voraus gewesen zu sein. Das Metronom tackert Die gleichsam hauseigene Opulenz ist diesmal von einer eher kargen Art. „Gespielt von den Insassen des Ensemble 9. November“ – dergestalt spielt der Untertitel (ansonsten folgenlos) auf Peter Weiss’ „Marat/Sade“ an. Vor allem bleiben in diesem musikalischen Theater – wohl ein Novum – diesmal die Musiker aus. Die Inszenierung von Fiebig, mit sogenannten „Interventionen“ seiner Gründungspartnerin Helen Körte, beginnt unter dem Tackern eines Metronoms in seinem gnadenlosen, das Vergehen von Zeit und damit Endlichkeit signalisierenden Gleichtakt. Mehrfach werden planvoll krude Überlagerungen mannigfacher Musiken zwischen Oper, Jazz, Vokalmusik der Renaissance und so fort eingeblendet. Mit Filmbildern aus früheren Inszenierungen erweist sich das Ensemble selbst Reverenz; als markant kantiger Vorleser tritt Fiebig einige Male persönlich in Erscheinung. Das Spielerquartett um Venera Dik, Janine Karthaus, Kathrin Schyns und Eric Lenke ist in der nach Art des Hauses episodisch strukturierten Folge von Szenen in einer bescheidenen Art tänzerisch gefordert. Fiebig und Körte machen einfach immer weiter mit ihren kunstvoll ausgeleuchteten und eine Eigenständigkeit gegenüber dem Text behauptenden Bildern. Ohne tiefgehende Überraschung in der Machart, immer noch aber mit einer gewissen Kraft der Findung.
Von STEFAN MICHALZIK


FAZ vom 29.4.2016:

Mechanik der Aufklärung: "Mein Freund Gulliver"

Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ gilt hierzulande als phantastische Kindergeschichte, ist aber tatsächlich ein satirischer Roman, der die wirklichen und vermeintlichen Errungenschaften seiner Zeit aufs Korn nimmt. Und auch die Reisefreudigkeit des englischen Individuums sowie den Expansionsdrang des britischen Empires. Zentrales Thema freilich ist die aufgeklärte'Epoche und die Kritik daran, gut 30 Jahre vor Voltaires „Candide“, der in die gleiche Kerbe schlug. Das Unbehagen an der Au?därung ist seither nicht mehr geschwunden und artikulierte sich zumal im 20. Jahrhundert bei Meisterdenkern, die seinerzeit als Widersacher galten, sich aber in ihrer Kritik der instrumentellen Vernunft sehr nahestanden, Adorno und Heidegger. Die Apparate, die Mechanismen, die Vorrichtungen, mit denen sich die Menschen abplagen müssen, seit Technik und Wissenschaften sich der Lebenswelt bemächtigt haben, werden in dem Stück „Mein Freund Gulliver“, dargestellt, wie es heißt, von „den Insassen des Ensemble 9. November“, auf der Bühne des Frankfurter Gallus-Theaters zur künstlerischen Realität. Inszenator Wilfried Fiebig hat wieder einmal einen Fundus an Objekten geschaffen, mit denen die Darsteller umgehen, in die sie sich einfügen, denen sie unterworfen sind. Seine gestalterische Phantasie scheint keine Grenzen zu kennen. Die Dinge, die sich den Körpern aufdrängen und sie zu dominieren versuchen, passen tref?ich zu dem Stoff, aus dem die Aufklärungskritik ist. Schon die erste Szene lässt die Ambivalenz einer rein rationalen Weltaneignung deutlich werden: Eric Lenke, der mit ungemeiner Spielfreude zu Werke geht, bedient sich eines Konstrukts aus vielerlei Stäben, das ihn gleichermaßen stützt wie behindert: Segen und Fluch der Moderne. Wer eine Personenentwicklung oder überhaupt einen dramatischen Ansatz erwartet, dürfte enttäuscht werden, aber es ist Fiebig gelungen, eine Montage einzelner Szenen herzustellen, von denen jede Uberraschungsmomente, absurde Pointen und groteske Situationen bereithält. Immer neue Objekte lassen das Bühnengeschehen zu einer Abfolge von Bildern werden und formen vermischte Gedanken, nicht nur solche von Swift, zur Kunst.
(zer.)